"Zirkus ist einfach geil!"

Interview

Am 26. August eröffnet das Berlin Circus Festivalauf dem Tempelhofer Feld. Wir sind schon unglaublich gespannt auf die wunderbaren Zirkusproduktionen, die es dort zu sehen geben wird! Das Festival für zeitgenössischen Zirkus hat letztes Jahr erfolgreich Premiere gefeiert und ist nun zurück mit einer neuen Edition, vollgepackt mit herausragendem zeitgenössischem Zirkus aus ganz Europa. Wir haben die Initiatoren des Festivals, Josa Kölbel und Johannes Hilliger, getroffen und mit Ihnen über Zirkusfaszination im Allgemeinen und Festivalfieber im Besonderen gesprochen.


CHAMÄLEON: Nächste Woche geht’s los und Ihr eröffnet die zweite Ausgabe des Berlin Circus Festivals. Was ist anders im Vergleich zum letzten Mal?

Johannes: Der Ort! (lacht). Wir hatten zwar immer noch wenig Vorlauf, aber doch deutlich mehr als beim letzten Mal. Da hatten wir im Februar gesagt „So, jetzt machen wir ein Zirkusfestival!“ und hatten dann bis August Zeit, alles auf die Beine zu stellen… Dieses Mal fiel die Entscheidung im Oktober.

Josa: Nah, Ende November…

Johannes: Und man lernt natürlich aus den Fehlern des Vorjahres – auch wenn da gar nicht so viele waren. Aber die Erfahrung hilft einfach ungemein.

Josa: Und natürlich sind wir diesmal viel, viel, viel, viel größer.

Stimmt! Ihr werdet auf dem Festivalgelände sogar Euer eigenes Zirkuszelt haben.

Josa: Ja, das wird schon massiv anders. Es werden dreimal so viele Zuschauer reinpassen als beim letzten Mal. Es wird mehr Shows geben: anstatt zehn Shows wie im Vorjahr, werden es diesmal 16 Shows sein. Es wird Livemusik auf dem Festivalgelände geben, vier Ausstellungen und ein Restaurant, das sich um die Verpflegung kümmern wird.

Johannes: Und man wird schon vor den Vorstellungen Zeit auf dem Gelände verbringen können. An den Wochenenden haben wir von 13 bis 22 Uhr das Gelände geöffnet. Um 15 Uhr ist die erste Show und um 19 Uhr die Zweite. Dazwischen kann man super auf dem Gelände relaxen, andere Leute treffen und die Stimmung genießen. Unter der Woche sind wir dann zwar wieder eher auf den Abend ausgerichtet, allerding öffnen wir da auch schon um 16 Uhr.

Ihr werdet auch verschiedene Workshops anbieten, richtig?

Josa: Ja, es wird sechs verschiedene Workshops geben: Manche Workshops sind so angelegt, dass interessierte Zirkusfans einfach mal reinschnuppern können, andere sind für Profis gedacht, die sich weiterbilden wollen. (Mittlerweile sind es sogar acht Workshops - Anm.d.Red.)

Johannes: Fast alle Workshops werden von den Artisten der Produktion geleitet. Dazu gibt es einen Dramaturgie Workshop, der von einem Gastkünstler geleitet wird, der dafür extra anreist.

Zusätzlich zu den Zirkusproduktionen wird es auch eine Open Stage und eine Work in Progress Nacht geben. Könnt ihr uns schon verraten, was uns erwarten wird?

Johannes: Von dem Programm müsst ihr euch schon überraschen lassen… Aber es wird auf jeden Fall wieder grandios, vielleicht sogar noch besser als im letzten Jahr. Für die Open Stage Night haben wir circa 250 Bewerbungen aus ganz Europa bekommen – Wahnsinn – und daraus haben wir selbstverständlich ein buntes, abwechslungsreiches, wunderbares Programm zusammengestellt.

Josa: Bei der Open Stage werden Einzelnummern präsentiert. Dafür versuchten wir, die Nummern so auszuwählen, dass eine spannende Mischung aus Disziplinen und Herangehensweisen entsteht. Beim Work in Progress werden insgesamt vier Stücke mit einer Länge von maximal zwanzig Minuten gezeigt, die noch am Entstehen sind. Inklusive kurzer Gesprächszeiten im Anschluss, in denen das Publikum oder auch die Künstler selbst Fragen stellen können, mit dem Ziel den Künstlern ein Feedback zu ihren Showideen zu geben.

Johannes: Diese Abende sind auch immer ein guter Öffner für Leute, die vielleicht nicht so vertraut sind mit Zirkus und Akrobatik. Gerade die Work in Progress Night ist super spannend, weil man innerhalb eines Abends ganz unterschiedliche Produktionen sieht, die sich in unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden und unterschiedliche Herangehensweisen verfolgen.

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, ein Berliner Zirkusfestival ins Leben zu rufen?

Josa: Erstens, weil es keins gab!

Johannes: Josa ist selbst Artist, ich bin Quereinsteiger und wir kennen uns richtig lange. Wir sind zusammen auf vielen Festivals im Ausland gewesen, ich hab ihn besucht, wenn er auf Tour war, und dann hatten wir plötzlich gleichzeitig ein bisschen Zeit zur Verfügung…

Josa: Wir haben den Zirkus aus unterschiedlichen Perspektiven beide total schätzen gelernt. Egal ob auf der Bühne oder als regelmäßiger Zuschauer, Zirkus macht einfach Spaß. Auch einfach nur zusammen auf einem Festival zu sein, da zu sitzen und sich Shows anzugucken, die Festivalatmosphäre mitzukriegen…  das ist einfach grandios.

Johannes: Wir fragten uns schließlich: Was ist hier los? Überall sieht man, wie schön diese Festivals sind und wie sehr die Leute drauf abfahren, nur in Berlin passiert nichts. Uns war klar, wir müssen diese wunderbare Kunstform endlich auch dem deutschen Publikum zugänglich machen!

Der Erfolg gibt Euch recht: beim Festival auf dem Gelände der Schatzinsel letztes Jahr waren die Zuschauer begeistert - trotz Dauerregen während der Festivalwoche.

Johannes: Ja! Es war wohl die schlechteste Wetterwoche im ganzen Jahr und trotzdem waren wir ausverkauft. Bei besserem Wetter hätten wir theoretisch noch mehr Zuschauer reinlassen können, weil wir auf dem Gelände noch eine Outdoor Bühne hatten. Aber definitiv war gerade das Feedback der Leute der Grund, warum wir heute überhaupt nochmal ein Festival machen. Von Publikum und Presse bekamen wir gefühlt  99,9% positives Feedback, die Stimmung war richtig gut… Und wir sind ja auch noch lange nicht da, wo wir wirklich hin wollen.

Das Berlin Circus Festival widmet sich künstlerisch ganz klar nicht dem traditionellen, sondern dem zeitgenössischen Zirkus. Was fasziniert euch an diesem Genre?

Josa: Zum ersten, weil es Zirkus ist und Zirkus ist einfach geil. (lacht). Zirkus ist aufregend, macht mega Spaß und  ist oft super gut verständlich. Und er hat dieses Verspielte an sich, das ein bisschen das Kind in einem weckt. Und zum anderen kommt dann das Zeitgenössische und bringt totale Freiheit! Es gibt keine festen Formen, keine unumstößlichen Grundsätze. Nicht mal der Zirkus selbst ist sicher. Manche Produktionen verwenden fast gar keine Zirkuselemente und trotzdem merkt man, wie physisch das Stück ist, wie frei, wie alles ineinander fließt.

Johannes: Zeitgenössischer Zirkus vereint einfach super viel: Tanz, Theater, Musik, Neue Medien. Alles kann sein, muss aber nicht.

Wir im CHAMÄLEON haben uns ja seit Jahren dem zeitgenössischen Zirkus verschieben. Einerseits merken wir jeden Abend, wie viel Spaß die Gäste an dieser Art von Zirkus haben, andererseits ist der zeitgenössische Zirkus immer noch etwas Unbekanntes in Deutschland. Warum diese Diskrepanz?

Josa: Ich denke, es braucht einfach noch mehr Zeit, in der Leute zeitgenössischen Zirkus sehen können. Wenn es nicht viel zu sehen gibt, fällt die Einordnung schwer und man weiß nicht, wie man das Gesehene richtig fassen soll. Das ist das Gute an einem Zirkusfestival: in relativ kurzer Zeit kann man viele verschiedene Produktionen sehen und dadurch einen Eindruck davon bekommen, wie unterschiedlich Zirkus sein kann.

Johannes: Durch diese Vielfalt läuft man natürlich auch bei den Besuchern Gefahr, dass sie mal etwas sehen, das ihnen nicht so gefällt. Dann wiederum gehen sie vielleicht einen Tag später in eine andere Vorstellung und sind begeistert. Für die Programmgestaltung ist das schon eine gewisse Herausforderung, aber die nehmen wir gerne an. Man will sich schließlich nicht immer nur berieseln lassen, sondern Unterhaltung, Kunst und Kultur auch mal ganz neu wahrnehmen.

Zeitgenössischer Zirkus ist in Deutschland nicht als eigenständige Kunstform anerkannt und damit von jeglicher Kulturförderung ausgeschlossen. Meint ihr, das wird sich irgendwann ändern?

Josa: Es ist nur eine Frage der Zeit.

Johannes: Man muss einfach dafür kämpfen. Das ist etwas wofür wir uns einsetzten, denn von selbst passiert natürlich nichts oder dauert einfach viel zu lang. Neben dem Festival an sich, gehört für uns diese politische Dimension unbedingt dazu. Mit unserem Festival wollen wir sagen: schaut hin, diese Art von Zirkus gibt es auch und sie hat neben jeder anderen Kunstform die gleiche Daseinsberechtigung.

Nächte Woche ist Eröffnung. Habt ihr noch einen Geheimtipp für uns? Worauf freut ihr Euch am meisten?

Johannes: Einen Geheimtipp gibt’s nicht. Wenn nach einem Jahr Planung und Vorbereitung endlich die Türen aufgehen und hoffentlich die Leute reinströmen - das ist der beste Moment.

Josa: Ich glaube, der Moment, wenn das Licht ausgeht und die Sicherheitsansage im Zelt läuft und klar wird, jetzt geht’s los – das wird einfach unschlagbar.

Johannes: Dann geht’s erstmal raus an die Bar. (lacht)

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Das Berlin Circus Festival findet vom 26.August bis zum 4. September 2016 auf dem Tempelhofer Feld statt. Das Festivalgelände befindet sich direkt am Eingang Tempelhofer Damm 104, 12101 Berlin.

Showtime: Freitag - Sonntag 15.00 & 19.00 Uhr / Montag - Donnerstag 19.00 Uhr

Das Gelände ist geöffnet: Freitag - Sonntag ab 13.00 Uhr / Montag - Donnerstag ab 16.00 Uhr 
Ticketpreise:   Kinder 9€ / ermäßigt 15€ / Erwachsene 23€

Tickets gibt es hier.

 
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