Gemeinsam etwas Neues kreieren

Interview

Am 25. Februar starten wir unsere neue Spielzeit mit SCOTCH & SODA – eine Zirkusproduktion der australischen Künstlertruppe Company 2, die Zirkuskunst mit Live-Jazz kombiniert. Wir haben uns mit Anke Politz, der künstlerischen Leiterin unseres Theaters, zum Interview getroffen und über die Zusammenarbeit mit Company 2, das Besondere an SCOTCH & SODA und die künstlerische Ausrichtung des CHAMÄLEONs unterhalten.

 

CHAMÄLEON: SCOTCH & SODA ist eine sehr junge Produktion, die bisher vor allem auf Festivals zu sehen war. Wie kam es zur Entscheidung, diese Show im CHAMÄLEON zu präsentieren?

Anke Politz: Ich hab die Show auf einem Festival gesehen und hatte vorher ehrlich gesagt nicht die 100%ige Erwartung, dass sie zu uns passen würde… (lacht). Aber dann saß ich im Zuschauerraum und war einfach total begeistert. Ich finde, SCOTCH & SODA ist eine wahnsinnig lebensbejahende, beschwingte Show, die außerdem sehr überraschend angelegt ist, was die gezeigten Zirkusdisziplinen betrifft. Aber vor allen Dingen ist es ein Stück, das von Menschen präsentiert wird, die ganz viel von ihrer eigenen Persönlichkeit mit einfließen lassen. Dadurch wirkt die komplette Inszenierung sehr authentisch und von Grund auf sympathisch. Diese Mischung hat mich absolut überzeugt und ich glaube, dass dieses Stück auch unseren Gästen jeden Abend eine richtig gute Zeit zaubern wird.

 

Im Vorjahr lag der Fokus durch ROOTS vom tschechischen Cirk La Putyka und UNDERART vom schwedischen Cirkus Cirkör auf europäischen Zirkuskompanien. Mit Company 2 zieht nun der australische Zirkus wieder ins CHAMÄLEON ein. Kannst Du Unterschiede zwischen dem australischen und dem europäischen Zirkus feststellen? Ändert sich die Farbigkeit?

Ich denke, wenn man SCOTCH & SODA mit unseren beiden Stücken aus 2016 vergleicht, dann merkt man recht schnell, dass dieses Stück von der Klangfarbe her massiv anders ist. Um die Unterschiede zwischen dem europäischen Zirkus und dem australischen Zirkus repräsentativ benennen zu können, habe ich meiner Meinung nach noch zu wenig unterschiedliche Produktionen aus beiden Kontinenten gesehen. Im direkten Vergleich zu UNDERART oder ROOTS kann man aber durchaus sagen, dass SCOTCH & SODA weniger eine dramaturgische Grundgeschichte verfolgt. Das Stück versucht stattdessen, eine bestimmte Zeit, eine Energie einzufangen. Im Mittelpunkt steht die Lebensfreude und das ungestüme Leben sogenannter „Outlaws“, ihre Lust am Feiern und Grenzen austesten. Der australische Zirkus ist meiner Meinung nach sehr physisch, also sehr akrobatisch. Körperlich wird sehr viel gezeigt. So wird in SCOTCH & SODA auch weniger Tanz zu sehen sein, als zum Beispiel in UNDERART. Stattdessen gibt es zwei klare Schwerpunkte: das eine ist der akrobatisch-artistische Fokus, das andere die Live-Musik.

Live-Musik ist natürlich ein besonderes Thema, denn eine Jazz-Band gab es so bisher noch nie auf unserer Bühne. Was ist hierbei die größte Herausforderung für Euch?

Eine grundlegende Herausforderung für uns ist schonmal überhaupt einen zehnköpfigen Cast bei uns unterzubringen! Egal ob es die Garderobe oder die Bühnensituation betrifft, es wird schon kuschelig eng (lacht.) Live-Musik ist in aktuellen Shows generell immer häufiger zu finden. Wir müssen uns daher nicht nur technisch umstellen, sondern eben auch einen größeren Aufwand betreiben, um den Sound so einzurichten, dass alles funktioniert. Bei uns sitzt das Publikum sehr nahe an der Bühne und die Gäste in der ersten Reihe sollen natürlich kein komplett anderes Hörerlebnis haben, als die in der letzten. Das hinzubekommen ist schon ganz schön knifflig. Außerdem ist unser Saal denkmalgeschützt und wir sind daher in unseren technischen Möglichkeiten relativ eingeschränkt. Direkt über uns befindet sich dazu das Hackesche Höfe Kino, ein sehr wichtiger Partner für uns, und da müssen wir natürlich auch genau hinhören, wie laut wir sein können, ohne oben ständig die erste Geige zu spielen.

Zeitgenössischer Zirkus bewegt sich ja öfter an der Schnittstelle von Zirkus und Musik, von anderen Kunstformen ganz zu schweigen. Was bedeutet so ein Genremix für die Zuschauer? Gibt es einen Mehrwert, eine stärkere Ausdruckskraft?

Es hat beides. Zum einen bedeutet das Inszenieren mit Live-Musik natürlich einen Mehrwert für das Publikum, weil es eine weitere Kunstform erlebt und quasi ein Konzert on top bekommt. Wenn man aber über Live-Musik als Ausdrucksmittel im Neuen Zirkus spricht, wird das eigentlich Besondere klar: Nämlich dass auch hier beides miteinander verwoben wird und dass dieser Verbindung eine Dramaturgie zugrunde liegt. Es geht also nicht darum, dass irgendwo in der Ecke eine Band steht und einen Song spielt, während vorne jemand eine Akrobatiknummer aufführt, ohne dass es dabei einen Unterschied macht, ob die Musik live gespielt wird oder aus der Konserve kommt. Was Ripple & Murmur bereits in UNDERART gezeigt haben oder reecode und Lih in DUMMY lab, ist auch in SCOTCH & SODA der Fall. Auch hier lebt die Musik mit der Performance, sie bebildert die Performance, sie folgt ihr oder geht ihr voraus. Deshalb finde ich es so wahnsinnig schön, mit Live-Musikern zu arbeiten. Der Spannungsbogen einer Performance kann musikalisch live mitgezeichnet werden und das macht die Artisten viel freier in ihren Bewegungen. Den zeitgenössischen Aspekt sehe ich also darin, Live-Musik und eine körperliche Bewegung zu verbinden, indem sie tatsächlich in Verbindung miteinander gebracht werden.

Company 2 ist eine relativ junge Kompanie, die nun zum ersten Mal in Berlin spielen wird. Wie würdest du die Produktionen bzw. die künstlerische Handschrift der Kompanie beschreiben?

Das CHAMÄLEON soll ja immer ein Ort für Neues sein. Gar nicht im Sinne davon, dass wir jeden Tag das Rad neu erfinden, sondern dass wir immer neue Menschen mit neuen Ideen bei uns haben, und Dinge ausprobieren, die es so noch nicht bei uns gab. Company 2 würde ich als ein kleines Künstlerkollektiv bezeichnen. Damit meine ich, dass jeder Künstler sehr involviert ist und ganz stark Teil hat an der Produktion. Es gibt keinen außenstehenden Entscheider der sagt „Du machst jetzt das, du das und du das“. Alles entsteht sehr organisch aus dem Cast heraus und jeder hat seine eigenen Verantwortlichkeiten, was die Organisation betrifft. Dadurch entsteht eine Authentizität, die gar nicht zu proben ist. Sprich, die Künstler fühlen sich nicht nur als Teil der Show, sondern sie fühlen sich als Teil der Kompanie und dieses Gefühl erzeugt eine komplett andere Energie.

 

Du bist seit mittlerweile 12 Jahren Teil des CHAMÄLEONs, warst vier Jahre Direktorin des Theaters, hast 2011 die künstlerische Leitung übernommen, bist heute Mitgesellschafterin. Wie hat sich das Haus in diesen Jahren weiterentwickelt?

Es fällt mir schwer, das einzuordnen, da ich mich immer so auf das Hier und Jetzt konzentriere… Und Weiterentwicklung impliziert ja auch immer eine kleine Wertigkeit. Ich glaube, was sich definitiv entwickelt hat, sind die Arbeitsstrukturen und die Professionalisierung innerhalb des Teams. Wir haben schon immer nach der alles-ist-möglich Devise gelebt, aber die Wege sind jetzt geplanter, es ist nicht mehr ganz so crazy stressig. Im Außen ist es natürlich auch eine Form von Entwicklung, dass sich das Haus als Spielstätte etabliert hat. Für Partner, für die Medien, aber auch für die Gäste sind wir mittlerweile greifbarer und zählen weltweit zu den wichtigsten Spiel- und Produktionsstätten des Neuen Zirkus.

                                                                                                                        

Durch diesen Fokus auf Neuen Zirkus hat das CHAMÄLEON eine sehr klare inhaltliche Ausrichtung. Wie würdest Du die künstlerische Vision des Hauses beschreiben?

Die künstlerische Vision ist für mich weniger ein ästhetisch-künstlerischer Maßstab, den wir festlegen und dem eine Show oder ein Künstler dann entsprechen muss. Unsere Vision ist für mich der künstlerische Freigeist. Jeder, der uns begeistern kann, ist willkommen, es gibt erstmal keine Ausschlusskriterien. Unsere künstlerische Vision soll bedeuten, dass wir eine gewisse Kultur der Offenheit miteinander pflegen und zum Beispiel Menschen zu uns einladen, die vielleicht gerade ihre allererste Show gespielt haben, noch keine etablierten Regisseure oder Produktionskompanien sind und die wir dann dabei unterstützen, ihren Weg zu gehen. Für mich ist die künstlerische Arbeit, das CHAMÄLEON zu einem Ort der zeitgenössischen Interpretation von Zirkus und Varieté und des künstlerischen Grenzenerweiterns zu machen. Um das kommerziell hinzubekommen – was ich nur damit übersetzte, dass wir von unseren Ticketverkäufen leben müssen -, brauchen wir diese sehr feste Struktur von zwei Hauptshows im Jahr, die enorm hochwertig sind und professionell umgesetzt werden. Wir möchten den Gästen unabhängig von der jeweiligen künstlerischen oder stilistischen Ausrichtung immer das Beste geben und diese Höchstleistungen auf körperlicher, spielerischer oder technischer Ebene bedürfen eines Systems, das dies über sechs Monate und sieben Shows pro Woche ermöglicht. Deshalb haben wir nur zwei Shows pro Jahr und ein sehr umfassendes Produktions- und Betreuungssystem. Aber trotz aller langwierigen und komplexen Arbeitsstrukturen, die natürlich auch den Partner betreffen, möchten wir ein offenes Haus sein und jedem die Chance geben, bei uns anzuklopfen und zu sagen: „Ich habe eine Idee. Mit dieser Darbietung möchte ich auf die Bühne. Was sagt ihr dazu?“

 

Nicht ganz Unähnlich zum Fall Company 2.

Klar und es ist auch so: dieses Risiko einzugehen, sich für einen Zeitraum von sechs Monaten für eine Kompanie zu entscheiden, kann nur funktionieren, wenn man wahnsinnig daran glaubt. Wenn man inhaltlich dran glaubt. Ansonsten legt man sich im normalen Geschäftsleben nur auf Erfolge fest. Man holt den Riesenerfolg aus Sonstwo und hofft, dass man damit seine Tickets verkauft. Aber diese Art von Programmierung ist nicht unser Stil, denn wir präsentieren immer mit einem thematischen Fokus und meistens ganz neue Sachen - Shows, die noch nie da waren oder die gerade erst entstanden sind. Auch das gehört für mich zum künstlerischen Freigeist. Das gemeinsame Vertrauen, die Kompetenz und das Durchhaltevermögen zu haben, die Stücke teilweise mit aufzubauen und weiterzuentwickeln. Und klar, mit Company 2 haben wir bisher noch nicht zusammen gearbeitet. SCOTCH & SODA ist eine Show, die für die Aufführung im Spiegelzelt konzipiert ist und für ihre Spielzeit im CHAMÄLEON daher auch umgearbeitet werden muss. Wir treffen uns, kreieren gemeinsam etwas Neues und werden die nächsten sechs Monate miteinander eine Show leben, von der wir überzeugt sind, dass sie unseren Gästen gefallen wird und wir unserem eigenen künstlerischen Anspruch gerecht geworden sind.

 

Du bist nicht nur künstlerische Leiterin des Theaters, sondern auch Geschäftsführerin der Produktionsfirma CHAMÄLEON Productions und setzt Dich als solche stakt für eine bessere Vernetzung und eine größere Anerkennung des zeitgenössischen Zirkus in Deutschland ein. Was möchtest Du mit dieser Lobbyarbeit erreichen?

Mein Ziel ist ganz klar, die Produktionsbedingungen für Künstler zu verbessern, die eigene Darbietungen produzieren oder eigene Stücke kreieren wollen. Jede Produktion und jeder Gastkünstler zeigt uns aufs Neue, dass es entsprechende Strukturen und Ressourcen braucht, damit eine Show überhaupt entstehen kann. Diese Rahmenbedingungen sind für Artisten in Deutschland wahnsinnig schwer zu bekommen und wir als Bühne können dem Bedarf mit zwei Produktionen im Jahr überhaupt nicht gerecht werden. Ich sehe ja, wie viele tolle kreative Leute es gibt und schon immer gab und dass es natürlich diesen Wunsch gibt, sich künstlerisch ausprobieren zu dürfen. Für das künstlerische Entwicklungspotential ist es unschätzbar wichtig, frei zu sein von Bühnenzwängen, von Gästeerwartungen. Der Künstler oder die Künstlerin muss auch einfach mal in einen freien Raum gehen und dort kreieren können, ohne irgendwelche Vorgaben im Hinterkopf zu haben, die es zu bedienen gilt. Einfach als Teil des künstlerischen Prozesses. Und wir machen diese Lobbyarbeit auch vor allem, weil ich sehe, dass die Projekte, die entstehen absolut mithalten können mit zeitgenössischen Tanzproduktionen, mit Theaterproduktionen oder Performanceprojekten. Aber durch die Verortung im Zirkus oder Varieté gibt es in Deutschland zum Beispiel keine Zuständigkeiten, wenn es um Fördermittel geht. Ich finde es wichtig, dass sich die Szene untereinander austauscht, sich eine Stimme gibt und gemeinsam Strukturen schafft, die es Künstlern und Produktionsfirmen ermöglicht, Unterstützung zu finden. Zum Glück gibt es ja schon viele Orte, die Unterstützung anbieten, es gibt viele Initiativen, Festivals und und und. Aber bisher waren das meistens Einzelkämpfer. Ich glaube, um öffentliches Gehör zu bekommen und über dieses Gehör einen Ansprechpartner in der Kulturverwaltung, ist es wichtig, dass wir uns organisieren, uns zueinander bekennen und ganz klar machen, was wir tun und was wir brauchen. Es ist ja immer einfacher, sich in der Gruppe für etwas stark zu machen, als wenn jeder für sich allein unterwegs ist.

 

Wir sind in der letzten Spielwoche von UNDERART, der Umbau zu SCOTCH & SODA steht kurz bevor. Worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich immer total auf diese Woche Umbau! So absurd das klingen mag, denn es ist wohl die anstrengendste Woche des Jahres, vor allem für das Technik- und Produktionsteam. Aber es ist auch eine Zeit des Neubeginns. Das Haus verändert sich, die Bühne wird umgebaut, man lernt sich kennen, spielt sich aufeinander ein, geht gemeinsam durch drei Wochen Previewzeit… das sind alles Momente, in denen ganz viel Kreation stattfindet. Im CHAMÄLEON ist ja nicht so, dass wir zwei Tage lang aufbauen, dann eine fertige Show haben und im Anschluss alle wieder nach Hause gehen. Für den ersten Monat verbringen wir ja wirklich jeden Tag und jeden Abend miteinander, Proben weiter, feilen am Licht, dem Ton und tun alles dafür, damit diese Show, dieses Kind, bei uns einziehen und wachsen kann. Und genau das ist für mich die schönste Zeit. In diesen Wochen bringt man ein neues Projekt auf den Weg, stellt nochmal alles auf den Kopf und spielt dann schließlich das erste Mal mit Publikum im Saal. Erst dann kann man sagen, ob alles aufgeht. Ist die Energie so, wie wir uns das gedacht haben? Funktionieren die Abläufe, funktioniert das Bühnenbild? Es gab zum Beispiel einen Moment während des Aufbaus von SOAP, den ich nie vergessen werde. SOAP war unsere allererste Eigenproduktion und ein sehr aufwändiges Projekt. Ich saß damals mit der Bühnenbildnerin Daniele Drobny während der ersten Durchlaufprobe im Saal und der Vorhang ging auf. Es war vorher ein Riesenthema, ob sich der Vorhangstoff so bewegen wird, wie wir uns das vorstellen, ob die Schienenführung funktionieren wird und so weiter. Und dann war es soweit, der Vorhang ging perfekt auf… und wir haben komplett losgeheult. Als Gast kann man sich vielleicht gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit, wie viel Liebe in so ein Projekt fließt. Jedes Stück, das auf der Bühne platziert ist, jede Kiste, die da komisch in der Ecke steht, hat eine Geschichte. Alles hat man zwanzigmal angefasst, es gibt nichts, das vom Fließband kommt. Für mich ist deshalb jede Produktion ein handgemachtes, kleines Meisterwerk. Egal, wie man es ästhetisch von außen betrachtet, ob man die Show gut oder schlecht findet. In jeder Produktion steckt so viel Hingabe, Planung, Arbeit, so viele Jahre Training, so viele Menschen, die an etwas glauben… Das ist in so vielen Details etwas so Besonderes, dass es manchmal schon ausreicht, den Vorhang aufgehen zu sehen, um wahnsinnig stolz und glücklich darüber zu sein, hier angekommen zu sein.

 

SCOTCH & SODA by Company 2 eröffnet am 25. Februar und wird bis zum 20. August 2017 bei uns zu sehen sein. Karten gibt es hier

 

Foto by: Mats Bäcker

 

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.