"Circus ist eine mitreißende Kunstform"

Interview

Dass wir dem Neuen Zirkus seit Jahren in tiefer Liebe verfallen sind, ist ja kein Geheimnis. Aber wer hätte gedacht, dass Dr. Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, ein bekennender Zirkusfan ist? Und nicht nur das: Mit Einführung der Programmschiene „Circus“ wird es von nun an auch im Haus der Berliner Festspiele eine spannende Plattform für den zeitgenössischen Zirkus in Deutschland geben.

Generell scheint was in der Luft zu liegen, denn in letzter Zeit nimmt der zeitgenössische Zirkus in Deutschland immer mehr an Fahrt auf:

So gibt es in Berlin seit dem Sommer 2015 ein eigenes Circus Festival. 2016 wurden die Potsdamer Tanztage erstmals mit einer Zirkusperformance eröffnet (mit der grandiosen La Cie XY). BASE Berlin und das Birdmilk Collective sind in eine neue Artistenhalle auf dem Gelände des Holzmarkt 25 gezogen und kreieren dort fantastisch-coole Zirkusperformances. Und unsere künstlerische Produktionsfirma CHAMÄLEON Productions hat gemeinsam mit der Initiative Neuer Zirkus, Sebastiano Toma Productions und dem Berlin Circus Festival kürzlich das „Manifest des zeitgenössischen Circus in Deutschland“ verfasst. Dieses Manifest soll im August 2017 der Kulturpolitik übergeben werden und bestenfalls zu einer Anerkennung des zeitgenössischen Zirkus als Kunstform und zu einem gleichberechtigten Zugang zu Förderstrukturen führen.  (Hier kann man das Manifest einsehen und unterschreiben).

Es ist also viel los in der Zirkuswelt!

Nachdem Herr Oberender bei uns zu Gast auf der Konferenz „Zeitgenössischer Zirkus in Kunst und Gesellschaft“ war und wir uns seit längerer Zeit über die gemeinsame Leidenschaft zum Zirkus austauschen, wollten wir es nochmal ganz genau wissen:

 

CHAMÄLEON: Im vergangenen März haben Sie mit dem Stück Nebula von Compagnie du Chaos erstmals ein zeitgenössisches Zirkusstück im Haus der Berliner Festspiele präsentiert und Ihre neue Programmschiene "Circus" eröffnet. Im Mai ist der zeitgenössische Zirkus zum ersten Mal im Rahmenprogramm des Theatertreffens erschienen. Was reizt Sie an diesem Genre?

Thomas Oberender: Theater handelt sehr oft vom Scheitern und der Circus vermittelt eine Erfahrung von Gelingen. Zeitgenössischer Circus basiert auf diesem Spiel mit der Gefahr, dem Risiko und physischer Realität, von Akrobatik und Magie, aber zugleich wird er eine eigene oftmals sehr poetische Kunstform, die alle übrigen Künste absorbiert, das Tote lebendig macht und die lebenden Körper oft als Instrumente von ganz unwahrscheinlichen Leistungen und Grenzüberschreitungen zeigt. Circus ist immer gut, wenn er irgendwo auch Circus bleibt und jene eigene Form von Anarchie und Stolz entwickelt, die dem Circus innewohnt - ausgehend von seiner Eigenart und Herkunft vom Rande der Gesellschaft.  Darin liegt seine Stärke und die Möglichkeit der freien, unbeschwerten Betrachtung der Kunst und Gesellschaft.

 

Wann und wie sind Sie diesem Genre zum ersten Mal begegnet?

Das war in den 90er Jahren bei Gastspielen französischer Kompanien im Tacheles und später in dem absolut magischen Theater von James Thiérrée.

 

Was war das schönste oder bewegendste Zirkusstück, das Sie je gesehen haben?

La DévORée von der Compagnie Rasposo: Keine akrobatischen, perfekten Körper sondern menschliche, sterbliche, kämpfende Körper. Düster und verführerisch, morbide und voller Lebenslust zugleich. Die Künstler nehmen einige typische Circustraditionen und erkennbare Nummern, transformieren sie auf eine ganz eigene und vertiefende Weise, überschreiten die Grenzen zwischen Spaß und Ekel, dem Guten und dem Bösen, dem Gefährlichen und dem Vertrauten, dem Toten und dem Lebendigen – Circus ist bei ihnen äußerst theatralisch und sie spielen auf unglaublich leichte Weise mit existentiellen Themen.

 

Wie kann der zeitgenössische Zirkus eine Reihe wie das Theatertreffen bereichern?

Zeitgenössischer Circus hat sich in der Richtung einer interdisziplinären Kunstform entwickelt, in der Artisten Dinge zeigen und Situation kreieren, die traditionelle Schauspieler so nicht herstellen können und die in ihrer Direktheit und der unmittelbar auf Tuchfühlung mit dem Publikum gehenden Form im Saal oft sehr mitreißend wirkt.

All diese Elemente bereichern das Festival, machen es lebendig und zeigen, dass wir inspirieren möchten und eine ungewöhnliche Form von Überblick über das ganze Spektrum der darstellenden Künste unserer Zeit beim Theatertreffen präsentieren.

 

Sie haben sich in den vergangenen Monaten mehrmals zum Thema Zirkus geäußert, haben einen sehr interessanten Essay in Theater der Zeit veröffentlich und die Reihe "Circus" eröffnet. Was für ein Feedback haben Sie auf diese Erweiterung Ihres Programms bisher bekommen und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Das Feedback aus der Theaterwelt erscheint mir durchweg positiv, neugierig und aufgeschlossen. In meiner Begegnung mit verschiedenen Akteuren des zeitgenössischen Circus habe ich gemerkt, wie sensibel das Feld auf Stimmen von außen reagiert und dass es absolut keinen Grund gibt, den traditionellen Circus als altmodisch zu betrachten. Er ist, wie auch die Artistik in Varietés und auf Revuebühnen, eine mitreißende Kunstform. Der zeitgenössische Circus ist eine Spielart der zirzensischen Künste und ich wünsche mir, dass er im deutschsprachigen Raum mehr politische Unterstützung, Aufmerksamkeit durch die Kulturkritik und wissenschaftliche Institutionen erfährt. Das mit zu befördern wäre ein schöner Nebeneffekt unseres bescheidenen Engagements.  

 

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.