Raum zum Kreieren, Ausprobieren, Scheitern und Wiederaufstehen

Residenz für zeitgenössischen Zirkus

Wie entsteht eine Show? Wie arbeiten Zirkuskünstler*innen an einem neuen Projekt und was brauchen sie, um ihre Ideen frei umsetzen zu können? Diesen kreativen Entstehungsprozess durften wir in den vergangenen sechs Monaten hautnah miterleben, denn der CHAMÄLEON Probenkeller beheimatete die erste Berliner Künstlerresidenz für zeitgenössischen Zirkus von unseren Kolleg*innen der CHAMÄLEON Productions.

 

Künstler*innen brauchen Raum, um frei und ungezwungen kreieren zu können

 

„Für uns war es eine enorm wichtige und inspirierende Erfahrung, Veranstalter einer so umfangreichen Künstlerresidenz im Neuen Zirkus in Deutschland sein zu dürfen“, so Anke Politz, Künstlerische Leiterin des CHAMÄLEON Theaters und Geschäftsführerin der CHAMÄLEON Productions.  „Seit 14 Jahren arbeiten wir mit der Marke CHAMÄLEON daran, die Produktionsprozesse und künstlerischen Kreationsmöglichkeiten zu professionalisieren und auszuweiten, um auch dem deutschen zeitgenössischen Zirkus im internationalen Vergleich ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Bisher gelang uns das immer nur in den eigenen vier Wänden und im Zusammenhang mit einer Spielzeit im CHAMÄLEON. Doch angesichts unserer eigenen Programmausrichtung, die deutlich im Entertainment verankert liegt, sind uns hier künstlerisch Grenzen gesetzt.“  

 

Doch gerade der Neue Zirkus zeichnet sich vor allem durch seine grenzüberschreitenden Ansätze aus, weshalb es Anke Politz seit Jahren ein Anliegen ist, Künstler*innen in ihrem kreativen Schaffen keine Grenzen zu setzen und auch jenseits der kommerziellen Vertriebskanäle neue Stücke zu fördern. „Für mich ist die Residenz so essentiell, weil mir über die Jahre immer wieder bewusst geworden ist, wie wichtig es allen Künstlern und Künstlerinnen ist, frei arbeiten zu können. Sie brauchen Raum zum Kreieren, Ausprobieren, Träumen, Scheitern und Wiederaufstehen.“

  

 

Diesen Raum können Künstler*innen nun bei der CHAMÄLEON Productions finden. Die Produktionsfirma setzt sich seit Jahren für die Weiterentwicklung des zeitgenössischen Zirkus ein und konnte nun, dank der erstmaligen Förderung durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, ein umfassendes, spartenübergreifendes Residenzprogramm anbieten.

  

Die erste Arbeit stammt nun von dem Künstlerinnen-Kollektiv STILL HUNGRY. Im geschützten Raum der Residenz konnten Anke van Engelshoven, Lena Ries, Romy Seibt (Co-Autorinnen, Akrobatik) sowie Bryony Kimmings (Regie) und Cristiana Casadio (Choreografie) ihr Projekt RAVEN ausarbeiten. Darin befassen sich die Künstlerinnen mit dem Thema der Mutterschaft und der weiblichen Rollenmuster in unserer Gesellschaft und jonglieren im wahrsten Sinne mit den eigenen Ansprüchen, Träumen, Krisen und der komplizierten Realität einer berufstätigen Mutter und Frau. Die Residenz machte es möglich, das Thema von vielen Seiten zu beleuchten, sagen die Künstlerinnen.

 

Ein komplexes Thema mit den Mitteln des Zirkus beleuchten: Warum nicht?!

 

„Für uns war es sehr befreiend, im Rahmen einer Residenz arbeiten zu dürfen, die sich ausdrücklich dem zeitgenössischen Zirkus widmet“, so Romy Seibt. „Als wir uns in der Vergangenheit bei anderen Förderprogrammen beworben hatten, hatten wir meist das Gefühl, das Wort ‚Zirkus‘ oder unseren Status als Zirkuskünstlerinnen eher verstecken zu müssen. Hier wussten wir, dass wir uns nicht verstellen müssen."

Lena Ries: „Auch der Zirkus kann sich mit komplexen Themenfeldern auseinandersetzen, so etwas ist nicht nur anderen Kunstformen vorbehalten. Ich glaube, gerade bei einem Thema wie Mutterschaft und dem eigenen, weiblichen Rollenverhalten, kommt bei vielen Menschen schnell die Frage, warum dieses Thema jetzt im Zirkus auf die Bühne muss. Dazu kann ich nur sagen: Warum nicht?!“ 

 

 

Die Konzeptionsphase von RAVEN begann bereits im letzten November, worauf hin ab Januar drei Probenblöcke folgten, in denen die akrobatische Recherche sowie die Choreografie und Regiearbeit im Fokus standen. Die CHAMÄLEON Productions standen den Residenzkünstlerinnen beratend zur Seite und stellten neben einem Honorar, einem Produktionsbudget und einem professionellen Netzwerk an Expert*innen vor allem auch Räumlichkeiten und Technik zur Verfügung.

  

Anke Politz: „Es ist unglaublich schön zu sehen, wie frei und positiv dieser Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung stattfinden kann, weil er durch ein kleines finanzielles Polster abgefedert wird. Die Künstlerinnen können sich vollkommen auf die Kreation konzentrieren und die Abwesenheit des Veranstalterdrucks führt zu mehr Offenheit, Austausch und wesentlich mehr Tiefe.“

 

Im April endet die Residenz von STILL HUNGRY bei CHAMÄLEON Productions. Anke Politz ist jedoch fest entschlossen, die Künstlerinnen auch in der Zukunft zu unterstützen, damit RAVEN eines Tages zur Aufführung kommen kann. Das Residenzprogramm geht indessen weiter und die nächste Projektphase beginnt bereits im Mai. Unser Probenkeller ist bereit!

 

Photos: Luderwaldt Photography

Gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.