Jonglage aus Träumen und geisterhaften Bildern

Sean Gandini im Interview

Gandini Juggling sind Vorreiter und Idole des zeitgenössischen Zirkus. Gegründet 1992 in London von den Künstlern Sean Gandini und Kati Ylä-Hokkala haben Gandini Juggling über die Jahre ein vielschichtiges Repertoire entwickelt, das Jonglage sowohl als Zirkusdisziplin als auch als eigenständige Kunstform begreift. Ihre Inszenierungen reichen von radikaler Performance Art über Tanz, Theater, Zirkus und Oper bis zu spektakulären Straßenshows und sorgen regelmäßig für begeisterte Kritiken und Standing Ovations.

Vom 11. bis zum 14. November spielen Gandini Juggling erstmals im CHAMÄLEON und werden bei uns ihre Show „8 Songs" aufführen – eine Serie von kunstvollen Jonglage-Darbietungen zum Sound von acht klassischen Rock-Songs. Im Interview spricht Regisseur Sean Gandini über die Entstehung der Show, das Choreografieren von Jonglage und die Geister des Rock'n'Rolls.

 

 

 

Wie der Titel schon verrät, ist Musik ein ganz wichtiger Bestandteil der Show. Was war die Motivation hinter der Entstehung von 8 Songs"?

„8 Songs" entstand zu einer Zeit, als wir gerade ein paar sehr ernste Shows abgeschlossen hatten und einfach etwas Unbeschwertes machen wollten, mit Musik, die uns schon seit langem begleitet. Songs, die quasi in uns waren. Musik hat diese seltsame Art, in uns einzudringen und in unserem Geist zu leben und dort Träume und geisterhafte Bilder zu erschaffen. Wir wollten einige dieser Träume und Bilder in Jonglage verwandeln. Die Frage war nur: Geht das? Und wie? Es war ein kleines Rätsel. Was passiert, wenn wir diese Songs als Grundlage nehmen, Songs mit den wir sonst wahrscheinlich nicht gearbeitet hätten. Unser Wunsch war, etwas Ausgelassenes, Überschwängliches zu schaffen... und ein bisschen Rock'n'Roll zu sein.

Wie habt Ihr die Songs denn ausgewählt?

Die meisten Titel habe ich vorgeschlagen, aber die Performer konnten sich mit allen Liedern direkt gut identifizieren. Am Anfang der Proben hatten wir eine Liste von ungefähr 15 Songs. Darunter gab es einige, die wir absolut geliebt haben, zu denen wir aber keinen Zugang finden konnten. Zum Beispiel war da ein toller Velvet Underground-Song, der einfach nicht funktionieren wollte. So haben wir einige schöne Dinge wieder verworfen, auch weil wir von Anfang an die Anzahl von 8 Songs im Kopf hatten.

Stimmt es, dass die Show ursprünglich im Freien aufgeführt wurde?

Ja, zwei unserer Shows haben diesen Weg zurückgelegt. „Smashed" startete auch im Freien und ist später ins Theater gezogen. Das geschah auch mit „8 Songs". Im Freien erreichen wir ein Publikum, das wir im Theater nicht erreichen. Ein Extremfall für mich ist im Moment zum Beispiel, dass wir gerade eine Oper in der Metropolitan Opera in New York spielen. Ich bin sehr glücklich, dort etwas aufzutreten, aber es ist natürlich ein völlig anderes Universum.

Wie würdest du Eure Herangehensweise an Jonglage beschreiben, besonders in „8 Songs"?

Wir choreografieren Jonglage, was schon an sich ein seltenes Biest ist. Nur eine kleine Handvoll Leute nutzt Jonglage als choreografierbare Substanz, die man wie Tanz oder Musik gestalten kann. 8 Songs enthält viel unisono Jonglage und Sequenzen, die ganz auf den Takt der Musik ausgerichtet sind. Und dann gibt es in der Show außerdem eine Reihe von Duetten. Wir haben dafür diese Systeme aus verschlungenen Armen und Momenten des Teilens entwickelt, die auch deshalb so gut passen, weil viele der Songs eine romantische Seite haben. Oder auch eine sexuelle Seite. Und das mit Jonglage auszudrücken... (lacht). Am Ende gibt es zum Beispiel den Song „Scary Monsters" von David Bowie, in dem wir diese verschlungenen Muster und Hebungen ganz in den Mittelpunkt stellen. Dazu kommt, dass wir für jeden Song einen „Geist" entwickelt haben. Damit meinen wir eine Geisterversion, in der wir die Texte des Songs sprechen. Was passiert mit dem Text, wenn man die Musik wegnimmt? Ich liebe einige dieser Geister. Der „Sympathy for the Devil" Geist führt den Song für mich an einen anderen Ort. Die Trennung bringt uns dazu, die Texte in Frage zu stellen. Solange der Text innerhalb des Liedes lebt, denken wir vielleicht nicht groß darüber nach, trennt man beides voneinander, fragen wir uns plötzlich: Hmmm... Was genau wird hier eigentlich gesagt?

„8 Songs" ist Euer erstes Gastspiel im CHAMÄLEON. Was verbindet Euch mit diesem Ort? Was hoffst Du, wird Euer Publikum von der Show mitnehmen?

Das CHAMÄLEON Theater kennen wir schlicht durch seinen Ruf. Es ist ein ikonischer Ort, daher freuen wir uns sehr, unsere Show hier aufzuführen. Ich hoffe, dass die Show dem Berliner Publikum etwas mitgeben kann. Ich meine, die Beziehung zwischen Show und Publikum kann kulturell so stark variieren, da kann man solche Dinge nie vorhersagen. Einige der Songs stammen aus einer Zeit, in der Berlin viele Veränderungen durchmachte ... und sicherlich hat Berlin eine enge Beziehung zu David Bowie. Ich denke, Berlin ist eine Stadt, die sehr Rock'n'Roll ist, lebt und liebt, daher passt unsere Show hoffentlich perfekt hierher.

"8 Songs" von Gandini Juggling spielt vom 11. bis zum 14. November 2019 im CHAMÄLEON Theater Berlin. Weitere Infos und Tickets gibt es hier.

Fotos: Andy Phillipson

 
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