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Sich mutig und offen in die Themen stürzen

Interview

Zum Ausklang unseres Jubiläumsjahres haben wir uns noch einmal mit Anke Politz, Geschäftsführerin der CHAMÄLEON Productions und Künstlerischer Leiterin des CHAMÄLEON Theaters, zum Interview getroffen. Das entstandene Gespräch über besondere Momente, die Stärke des Neuen Zirkus und das Tragen von Bühnenbild-Sofas geben wir hier in gekürzter Form wieder.

 

CHAMÄLEON (CT): Es fühlt sich an, als wäre in der CHAMÄLEON-Welt 2019 besonders viel passiert. Welche Highlights werden Dir in Erinnerung bleiben?

Anke Politz (AP): Wenn ich auf das Theater schaue, sticht natürlich der Geburtstag hervor. 15 Jahre CHAMÄLEON Theater feiern zu dürfen, war ein besonderes Geschenk. Gerade wenn man etwas schon so lange macht, läuft man oft in Gefahr, die Distanz und Draufsicht zu verlieren. Der Geburtstag gab uns die Gelegenheit, innezuhalten und uns bewusst zu machen, wie weit wir mittlerweile gekommen sind – trotz der vielen Herausforderungen, die einem als privates Theater begegnen. Und dass wir dieses Jubiläum mit so viel Jubel, Anerkennung und Liebe feiern konnten, war eine ermutigende Bestätigung unserer Arbeit.

Was die CHAMÄLEON Productions anbelangt, stand 2019 sehr im Zeichen von RAVEN. Dieses Stück gemeinsam mit dem Kollektiv still hungry zu produzieren und es unter unserer Flagge auf so wichtige Tourneestationen wie die Ruhrfestspiele, das Edinburgh Festival Fringe und das Berlin Circus Festival bringen zu dürfen war einfach toll und eine schöne, spannende Bereicherung unserer Arbeit. Gerade hat das Team in Salzburg die Österreichpremiere beim Festival winterfest gefeiert - was für eine tolle Auszeichnung, auf so renommierten Bühnen stehen zu dürfen.

Darüber hinaus ist die Gründung der CCCI ein großes Highlight für mich. Die Initiative ist ein Zusammenschluss des Assembly Festivals in Edinburgh, dem TOHU in Kanada und uns, mit dem Ziel neue, innovative Produktionen des zeitgenössischen Zirkus gemeinsam auf den Weg zu bringen und zu präsentieren. Es ist das erste Netzwerk seiner Art im Bereich des Neuen Zirkus und ich bin sehr gespannt auf die kommenden Projekte. 

  

Ein unvergessliches Geburtstagsgeschenk: MEMORIES OF FOOLS von den grandiosen Künstlern des Cirk La Putyka spielte von Februar bis August im CHAMÄLEON.

    

CT: Fällt Dir auch ein besonderer persönlicher Moment ein?

AP: Da bin ich in diesem Jahr reich beschenkt worden, denn die besonderen Momente waren tatsächlich zahlreich. Es gab viele ganz persönliche, emotionale Momente; die Geburtstagsausgabe unserer Open-Stage-Reihe OFF NIGHT zum Beispiel, wo viele Wegbegleiter*innen aufgetreten sind, die das CHAMÄLEON schon seit über 15 Jahren leben und prägen. Es ist einfach wundervoll, von Menschen umgeben zu sein, die ihre Liebe und Begeisterung jeden Tag in ihre Arbeit einfließen lassen und immer wieder Anlauf nehmen, um Neues zu entdecken. Auch was das gesamte CHAMÄLEON Team dieses Jahr geleistet hat, ist enorm. Die Dichte an Veranstaltungen, Sonderpublikationen und neuen Projekten hat dieses Jahr wenig Raum zum Durchatmen gelassen und ich kann vor unseren Mitarbeiter*innen nur den Hut ziehen. Das CHAMÄLEON ist ein gemeinschaftlicher Traum, der dank der großen Hingabe und Unterstützung vieler wunderbarer Menschen gelebt werden kann. 

Darüber hinaus ist RAVEN für mich wie gesagt eine enorme Bereicherung. Die Zusammenarbeit mit Künstler*innen, die sich mutig, offen und konstruktiv in ein so wichtiges Thema stürzen und Lust auf einen gemeinsamen Weg haben, das ist einfach nur toll. Ich durfte und musste vieles lernen. Besonders die Zeit in Edinburgh war für mich großartig und eine bereichernde Erfahrung. Momente, wie mit dem Team das Bühnenbild-Sofa in einer Nacht gefühlte 50-mal vom Taxi ins Theater zur Promo und zurück zu tragen, um sich am Ende glücklich und lachend in die Arme zu fallen. Man sagt ja oft, wenn man etwas sehr lange macht, gehen irgendwann die Schmetterlinge flöten. Bei uns glücklicherweise nicht. In diesem Jahr fanden wir gerade im Alten viele Neuanfänge.

     

CT: Was bedeutet das CHAMÄLEON für dich?

AP: CHAMÄLEON ist seit 15 Jahren mein berufliches Zuhause, mit fast jeder Sache verbinde ich eine Geschichte und zugleich ist es ein Ort, der auch für mich unberechenbar ist. Einerseits ist es diese kuschelige Blase, die warm und herzlich ist, die Menschen aus aller Welt und verschiedener Herkünfte vereint und zu ihrem Zuhause wird. Andererseits ist es ein forderndes und manchmal launisches Kind, das über ein unerschöpfliches Maß an Energie, Neugier und Mut verfügt. Alles darf gedacht werden und vieles muss ausprobiert werden und immer steht die Frage des Warum im Raum. Ich kann nur schlecht mit Routinen umgehen und brauche immer etwas Emotionales, das mich begeistert und meine Kreativität beflügelt. Insofern passen wir gut zusammen, denn es gehört zur Identität des Hauses, dass man hier alles immer neu angehen darf.

 

CT: Welche Chancen siehst Du aufgrund dieser Dynamik?

AP: Die aktuelle Version unserer Welt und Gesellschaft ist für mich häufig kein positives Abbild unserer Fähigkeiten und des Wissens, zu dem wir Zugang haben. Leider drehen sich vielerorts die Uhren zurück und der Hass, die Gewalt und die Ignoranz lassen ein Umfeld entstehen, das sich jeglicher Bereicherung durch das Andere, Bunte und Unbekannte beraubt. Als Betreiber einer öffentlichen Bühne, die sich dem Neuen Zirkus verpflichtet hat - einer Kunstform, die ein interkulturelles, interdisziplinäres und gleichberechtigtes Selbstverständnis in sich trägt, ist unser Name sozusagen Programm und gesellschaftspolitische Selbstverpflichtung zugleich.

Wir versuchen in allen Bereichen unsere Werte konsequent zu leben und auf unserer Bühne Inhalte zu zeigen, die unserem Verständnis einer offenen, toleranten und gleichberechtigten Gesellschaft entsprechen. Die große Kunst bleibt es, die Zuschauer*innen nicht innerhalb ihrer Komfortzone zu berieseln, sondern sie respektvoll einzuladen, darüber hinaus zu gehen und in einen Dialog einzutreten, der die Wahrnehmung dessen, was wir als fremd und neu empfinden, positiv verändert und unseren Horizont größer werden lässt. Den Herausforderungen dieser Zeit können wir nur gemeinsam begegnen und es braucht kluge Unterhaltungsformen, die weite Teile der Gesellschaft ansprechen, und vor allem diejenigen erreichen, die sich außerhalb der klassischen Kunst- und Theaterformate bewegen. Hier sehe ich ganz klar die Stärke und das Alleinstellungsmerkmal des zeitgenössischen Zirkus und unsere Aufgabe als Theatermacher*innen, nämlich Vermittler*in und Dialogpartner*in zu sein.

   

Eine lang ersehnte Zusammenarbeit: Out Of Chaos von Gravity & Other Myths und unter der Regie von Darcy Grant.

   

CT: Hat sich die Situation für den Neuen Zirkus in Deutschland 2019 verändert?

AP: Ich glaube, die Lage ändert sich rasant und die Szene bewegt sich in eine großartige Richtung. Neue Stücke und ein sich öffnender Veranstaltermarkt lassen künstlerische Vielfalt entstehen, der Bundesverband für Zeitgenössischen Zirkus ist auf vielen Ebenen wirksam aktiv und immer mehr Akteur*innen aus anderen Sparten sowie aus der Kulturpolitik unterstützen und fördern diese Kunstform.  Ich glaube nicht, dass wir noch oft die Diskussion führen müssen, ob wir Teil der Darstellenden Künste sind. Gerade mit unserer Arbeit für den Bundesverband setzen wir uns vielmehr mit den Fragen auseinander, die alle anderen Künste auch beschäftigen: wo finden wir Räume, Förderstrukturen und was sind relevante Inhalte.

  

CT: Ein wichtiges Thema der CHAMÄLEON Productions: Das erste Residenzprogramm für zeitgenössischen Zirkus in Berlin. Geht es weiter?

AP: Ob wir wieder ein ausführliches Residenzprogramm anbieten können, weiß ich noch nicht, weil das von der Entscheidung der Berliner Kulturverwaltung bzw. der Jury abhängt. Unser Förderantrag ist eingereicht, die Daumen sind gedrückt und wir hoffen sehr auf ein positives Ergebnis.

  

CT: Was erhoffst du dir für Zukunft?

AP: Für die Zukunft erhoffe ich mir, dass unser Theater in seiner programmatischen Alleinstellung und komplexen Arbeitsweise als unentbehrliche Spielstätte in der Berliner Kulturlandschaft wahrgenommen wird und sich das in öffentlichen Fördermitteln ausdrückt. Die Trennung in E- und U-Kultur ist weder zeitgemäß, noch zieht sie sich als nachvollziehbares Kriterium durch die Vergabepolitik der Berliner Kulturverwaltung. Über unsere inhaltliche Arbeit und starke künstlerische Verortung hinaus ist das CHAMÄLEON als Arbeitgeber*in von mehr als 70 Personen und als Bühne mit knapp 70.000 Gästen im Jahr absolut relevant für eine Stadt, die sich die Angebotsdichte und Vielfalt an Kunst und Kultur auf die Fahne schreibt.

Intern wünsche ich mir, dass wir uns und die Dinge immer klug in Frage stellen und auch in Zukunft über den Tellerrand blicken, um unsere Antworten zu finden. Ich wünsche mir, den Neuen Zirkus inhaltlich noch mehr zu fördern und neue thematische Schwerpunkte zu beleuchten. RAVEN war mit der Auseinandersetzung zum Thema berufstätige Mütter und Frauen auf der Bühne ein erster Schritt. Für uns im CHAMÄLEON sollte jeder unserer Schritte eine Relevanz haben und etwas sein, worauf wir stolz sein können.

  

Anke Politz stellt die Dinge gern in Frage. Foto: Kooné     

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.