Ein Netzwerk, das viel bewegen kann

Ein Interview mit Jenny Patschovsky

Wer von einem Bundesverband hört, denkt womöglich nicht direkt an die bunte, vielfältige und spannende Welt des Zirkus. Aber seit fast zwei Jahren setzt sich der aus der "Initiative Neuer Zirkus" hervorgegangene Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V.(BUZZ) nun schon für die Belange der Kompanien und Künstler*innen ein, bietet ein Netzwerk für die Branche und ist das in diesen Zeiten besonders wichtig gewordene Sprachrohr zur Politik. Als langfristiges Ziel hat der BUZZ es sich gesetzt, das Genre des Zeitgenössischen Zirkus als Kunstform bundesweit zu etablieren und zu stärken.
 
Jenny Patschovsky, Mitbegründerin und 1. Vorsitzende, hat sich für uns Zeit genommen, um uns Fragen zu ihrer Arbeit im BUZZ zu beantworten.

 

CHAMÄLEON Theater (CT): Als Mitbegründerin vom Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V. bist Du von Anfang an dabei gewesen. Kannst Du uns erzählen, seit wann es den BUZZ gibt und wie die Idee für den BUZZ entstanden ist?

Jenny Patschovsky (JP): Der Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus e.V. ist 2019 aus der „Initiative Neuer Zirkus" (INZ) hervorgegangen. Dieser Vorgängerverein wurde von mehreren Kölner (und einem Essener, wie ich ergänzen mochte) Zirkusschaffenden 2011 gegründet. Wir haben uns vorher schon lose zu Zirkus-Stammtischen getroffen, bei denen wir über die Geschichte des Neuen Zirkus gesprochen, zusammen Videos von Zirkus-Produktionen angeschaut und dabei die Kölner Zirkus-Szene zusammengebracht haben. Die Idee mit der INZ kam dann von Tim Behren, der zunächst mal einen Flyer machen wollte, um zu zeigen, wie dieser Neue Zirkus eigentlich aussieht und aussehen kann. Das war vor allem für die Kölner Kulturpolitik gedacht. Daraus ist die gemeinsame Idee entstanden, für mehr Sichtbarkeit zu sorgen und einen Verein zu gründen.

 

CT: Wie ist die Idee weitergewachsen?

JP: Ich selbst war durch meinen Verein Atemzug und meine ehemaligen Freund*innen aus der Jugendzirkusschule in ganz Deutschland vernetzt. Wir haben all diese Kontakte dann in die INZ Arbeit eingebunden, das ging sozusagen automatisch. Jede*r hatte sich in seiner Stadt schon ein Netzwerk aufgebaut und wir haben sie dann zusammengefügt. Dann kamen uns immer mehr Ideen für gemeinsame Aktionen und immer mehr Personen waren an unserer Initiative interessiert und haben sich in vielfältiger Weise eingebracht...das ist bis heute so!

 

CT: In welchen Aufgabenbereichen im BUZZ bist Du tätig?

JP: Ich bin im BUZZ aktuell die 1. Vorsitzende des Verbands. Dadurch bin ich oft die erste Ansprechperson für Kontaktanfragen, Presse oder auch Politik und Förder*innen. Ich kümmere mich auch um die Mitglieder und koordiniere die ganze Abrechnung. Aktiv bin ich in der AG Kulturpolitische Arbeit - national und natürlich in meinem Städtepol Köln. Und gleichzeitig versuche ich als Vorsitzende auch noch einen ungefähren Überblick über all die vielen Aktivitäten und AGs zu behalten, was echt schwer geworden ist!

  

CT: Wieso hast du dich für die Arbeit im Zirkusbereich entschieden? Bist Du schon immer am Zirkus interessiert gewesen?

JP: Ich bin mit neun Jahren in Heidelberg in eine Kinder- und Jugendzirkusschule gekommen und habe so die Zirkuswelt kennengelernt. Da kam ich auch früh mit den Ansätzen des Cirque Nouveau in Berührung und der ganzen spannenden Entwicklung in Frankreich. Das hat mich total begeistert. Zirkus machen, sich so zu bewegen, die einzelnen artistischen Disziplinen und vor allem die Zusammenarbeit in den Nummern. Und Zirkusstücke anschauen und sehen, was alles in dem Genre möglich ist, und wie stark es berühren kann. Das hat mich bis heute nicht mehr losgelassen.

  

CT: Hat sich Deine bzw. Eure Arbeit in Anbetracht der aktuellen Lage im Vergleich zu letztem Jahr stark verändert?

JP: In der AG Kulturpolitik ging es seit März nur noch um die Corona Soforthilfen und Hilfsprogramme. Andere Themen, wie eigene Aktionen, inhaltliche Arbeit und viele Projekte sind da erst einmal hinten runtergefallen. Und dann wurden wir natürlich auch stark ausgebremst, weil keine Festivals und Zirkus-Veranstaltungen stattfinden konnten, wo wir normalerweise präsent sind, Paneels oder Fachgespräche anbieten, uns vernetzen und so weiter. Das hat sich schon stark bemerkbar gemacht. Nicht zu vergessen, dass einige von uns und unseren Mitgliedern schwer mit den finanziellen Folgen zu kämpfen hatten.

  

CT: Sind aufgrund der derzeitigen Situation beim BUZZ neue Ideen oder Formate entstanden?

JP: Wir haben viel mehr Roundtables, also Szene-Stammtische, veranstaltet, alle digital, und hatten da regen Zulauf. Und wir hatten dadurch die geniale Idee, einen bundesweiten Roundtable abzuhalten. Der war spannend und ein tolles Erlebnis für alle Teilnehmer. Darauf waren wir vor Corona nicht gekommen, weil wir die Treffen ja immer live gemacht hatten. Ich glaube auch, dass der lokale Zusammenhalt in den Städtepolen noch mal stärker geworden ist, weil man sich viel mehr umeinander gekümmert hat, sich informiert und ausgetauscht hat.

 

CT: Was ist für dich persönlich die größte Errungenschaft, die durch die Gründung vom Bundesverband für Zeitgenössischen Zirkus e.V. im Laufe der Jahre erlangt werden konnte?

JP: Unser Netzwerk. Und unsere Zusammenarbeit, die wirkungsvoll ist. Wir sind mittlerweile deutschlandweit aufgestellt, wir sind mit jeder Einrichtung und jeder Kompanie aus unserem Bereich verbunden, direkt oder über die Städtepole und ihre Koordinator*innen. Manchmal fühlt sich das schon fast an wie ein gemeinsamer Organismus. Aus dieser Vernetzung heraus können wir direkt und indirekt viel bewegen, und es bewegt sich auch viel. Der Zeitgenössische Zirkus ist im Vergleich mit vor fünf Jahren viel sichtbarer geworden in Deutschland. Diesen Auftrieb zu sehen und mitzugestalten ist großartig und motiviert enorm. Zahlreiche Erfolge der Zirkusgemeinde deutschlandweit wären ohne den BUZZ niemals denkbar gewesen.

CT: Vielen Dank für das Interview!


Auch in unserem Theater haben wir mit Anke Politz und Alexandra Henn zwei engagierte Mitglieder des BUZZ in unserem Team und treten für die Interessen und die Vernetzung der Zirkusschaffenden in Deutschland ein.

  

Durch den bundesweiten Zusammenschluss verschiedener Netzwerke und die engagierte Arbeit der Vereinsmitglieder konnte der noch junge BUZZ bereits eine Reihe an Erfolgen für die Zirkusgemeinde, wie z.B. das bundesweiten Förderprogramm „Zirkus On" erreichen. Am 1. Oktober hat der Fonds Darstellende Künste außerdem mit #TakeAction im Rahmen von Neustart Kultur ein eigenes Förderprogramm für Produktionen des zeitgenössischen Zirkus ausgeschrieben und damit die erste bundesweite öffentliche Förderung der Sparte.

 

Noch bis zum 1. November können sich Zirkuskünstler*innen hier um Förderung bewerben.

 

Weitere Information über den Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus gibt es unter: https://bundesverband-zeitgenoessischer-zirkus.de/

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.