Der Spielbetrieb ist bis auf Weiteres eingestellt. Achtung: Momentan sind wir ausschließlich per E-mail zu erreichen.

Verbindungen halten, Verbundenheit zeigen

Ein Interview mit Cox Ahlers

Große Zelte, aufgeregte Stimmung und grandioser Zirkus. Wie geht diese Welt mit dem fehlenden Live-Publikum um? Wie kann man Zirkus machen, und Menschen zum Zuschauen einladen, ohne dass sie vor Ort sind?

Die Performerin, Regisseurin, Projektmanagerin und Impulskünstlerin Cox Ahlers beschäftigt sich unter anderem mit genau diesen Fragen. In einem schriftlichen Interview teilt sie ihre Gedanken zur Pandemie, zu den damit verbunden Herausforderungen, aber auch Chancen und zum Zirkus im digitalen Raum mit uns. Sie ist Vorsitzende und Berlin-Koordinatorin des Bundesverbands Zeitgenössischer Zirkus e.V..

 

CHAMÄLEON Theater (CT): Welchen Bezug hast du zum zeitgenössischen Zirkus?
Cox Ahlers (CA): Als Netzwerkerin bin ich 2.Vorsitzende und Berliner Städtepolkoordinatorin des Bundesverbandes Zeitgenössischer Zirkus (BUZZ e.V.) und seit 2012 aktiv im Verband.

Ich bin nach langer Kinder- und Jugendzirkuserfahrung mit zeitgenössischen Ansätzen ausgebildet worden auf der Hochschule für Zirkuskunst in Brüssel (ESAC, Promo Exit 1), bin  Artistin in site specific Performances und Tanzakrobatik und zusätzlich arbeite ich als Impulsgeberin, outside eye und Regisseurin.
 
CT: Wie bist du zu dem gekommen, was du jetzt machst?
CA: Im Jugendalter begann mein Perspektivwechsel auf Zirkus, u.a. inspiriert durch die Show Saltimbanco von Cirque du Soleil und Stücken des Neuen Zirkus, z.B. im Tollhaus Karlsruhe in den 90er Jahren. In unserer damaligen Heidelberger Gruppe übernahmen wir sehr früh Eigenverantwortung für Stück- und Veranstaltungsentwicklung. Der Schritt zur Ausbildung auf einer Schule mit moderner Ausrichtung, also im Ausland, lag nahe.

Als ich nach meiner Ausbildung und einer 3 Jahres Tournee die Situation des zeitgenössischen Zirkus in Deutschland erlebte, schloss ich mich der in Köln neugegründeten Initiative Neuer Zirkus an und initiierte 2012 den Städtepol Berlin.
 
CT: Was bedeutet das Corona-Virus für dich und dein konkretes Umfeld?
CA: Die Pandemiesituation bedeutet für mich:
-        Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen
-        Überdenken der gewohnten Verhaltens- und Denkstrukturen
-        Freiheit und Bewegung in den Einschränkungen finden
-        Den Kreativitätsmotor warten und anschmeißen
-        Sich Zeit nehmen, zentrieren
-        Verbindungen halten, Verbundenheit zeigen
-        Neues lernen.


CT: Anfang September hast du in einer Performance für das Bauhausfest 2020 mitgewirkt. War das anders als Performances vor Corona?
CA: Unsere site specific Forschung des virtuellen Raums begann schon im Mai 2020 mit dem Beitrag zum Symposium „Zirkus und die Avantgarde“ (TU Berlin und Uni Bern). Daran anschließend dann die Performance „Tastbares und Unantastbares" in Zusammenarbeit mit Stefan Sing, Karina Klingsell und Jenny Patschovsky als Regisseurin, im Rahmen des Bauhausfest minimal im September 2020.

Der Proben- und Aufführungskontext war sehr minimiert, doch durch die digitale Erweiterung auch unglaublich groß. Durch die Interaktion von live-Performer*innen und digitaler Präsenz von Karina aus Rotterdam, betraten wir für uns Neuland, was im Bauhauskonzept ja aber auch angelegt ist. Prozessorientiert und experimentell verbrachten wir 4 Tage intensiv zwischen realem und virtuellem Raum, lernten Konferenztools kennen, nahmen technische Hürden und fanden uns in absurden Halbwelten wieder. Ganz neu war das Proben und Performen mit physisch nichtanwesenden Menschen. Für uns, als auch in beträchtlichem Umfang für unsere virtuelle Performerin aus ihrer Wohnung heraus. Wir haben in dieser Art Ausführungsform etwas Interessantes, Inspirierendes entdeckt, das wir auch zukünftig weiter erforschen möchten. Wie kann Nähe im virtuellen Raum entstehen und wie nahe sind wir uns im Realen wirklich?

CT: Hast du durch die seltsame Situation und die Einschränkungen neue Möglichkeiten und Formate entdeckt Kunst und Zirkus zu machen? Gibt es vielleicht Vorteile oder besondere Innovationen?
CA: In der künstlerischen Annäherung interessiert mich diese Raumüberschreitung sehr. Und auch wie sie zur Performance wird, von wem und für wen. In unsere Netzwerkarbeit sind wir schnell bundesweiter, sogar internationaler geworden. Hier gilt es Beides, das Nahe und das Ferne weiterhin zu berücksichtigen.

CT: Wir haben ja jetzt in dieser Zeit ohne physisch anwesendes Publikum einen Aufschwung von zum Beispiel Konzert-Streams erlebt. Sind digitale Medien für den Zirkus so wichtig und praktikabel wie für andere Kunstformen?
CA: Ich liebe den realen Zirkus, das Unmittelbare, das Risiko, die Verbindung von Artist*in zum Publikum, die Reaktionen der Zuschauer*innen. Selbst wenn es kein Popcorn gibt, rieche ich es manchmal, ich liebe das drumherum, die besondere Einlassstimmung, das Gefühl eines gemeinschaftlichen Erlebnis‘ mit Publikum und Akteur*innen, das Ausklingen, die Entscheidung, wann ich den Platz verlasse, die Stimmen zum Stück, auf dem Weg zur Bar oder nach draußen, die ich zufällig auffange, die Stimmung im Saal, die sich durch das Stück einfärbt. Die freie Diskussion mit physisch anwesenden Personen über das Stück, das Netzwerken, das Forschen und all das, was an einem live-Abend angeregt wird.

Trotzdem finde ich es sehr spannend, diese Situation dazu zu nutzen, unsere Gewohnheiten und das Geliebte durch die Absenz zu spüren und zu hinterfragen.

Und wie steht es mit unseren Erinnerungen? Wo werden digitale Begegnungen, wo reale abgespeichert? Wie bleiben sie uns nah, wie intensiv sind sie und wie lange halten sie?

CT: Was vermisst du am meisten aus der Pre-Corona-Zeit?
CA: Vor allem Unbeschwertheit, Reisen und den körperlichen Kontakt.

(PS: Einen sehr herzlichen Dank an das gesamte Chamäleon-Team für Eure tolle Unterstützung und das großes Engagement für die Szene!)
 
CT: Und Dir vielen Dank für deine Antworten, das Gespräch und deinen Einsatz.

 

Die kreative Arbeit von Cox Ahlers und ihren Kolleg*Innen beim BUZZ macht auch während einer Live-Publikum-freien Zeit das künstlerische Arbeiten und Performen möglich. Wie so oft zeigt uns der Zirkus: nichts ist unmöglich!

 

Weitere Information über den Bundesverband Zeitgenössischer Zirkus gibt es unter: https://bundesverband-zeitgenoessischer-zirkus.de/

Symposiums Beitrag Atemzug Mai 2020: https://www.coxahlers.com/festivals-kurationen-projekte/

 

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.