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Zirkus auf Papier

Ein Interview mit dem tadaa Magazin

Mit dem tadaa Magazin gibt es seit dem letzten Jahr eine Zeitschrift, die einzig und allein dem Neuen Zirkus gewidmet ist. Wir haben mit den drei Redakteur*innen Gesine Jäger, Laura Runge und Dominikus Moos über ihre Idee zum Magazin, ihre Inspirationen und die Unterschiede zwischen der Arbeit auf der Bühne und der Arbeit an der Tastatur gesprochen.
    
   
CHAMÄLEON Theater: Wie kam es zu der Idee ein Magazin herauszugeben?

Tadaa Redaktion: Wir drei, Laura, Gesine und Dominikus gründeten nach einigen gemeinsamen Jahren in der Artistikgruppe Impuls mit weiteren Freunden 2017 das Projekt Kompanie Neun. Laura und Gesine schrieben monatlich einen lyrisch experimentellen Newsletter für die zeitgenössische Zirkus-Kompanie. Nach zwei Jahren gingen die Mitglieder von Kompanie Neun unterschiedliche, neue Wege; das Projekt endete und somit auch der Newsletter. Gesine hatte weiter Lust etwas in ähnlicher Art zu schreiben und Dominikus, der auch bei Kompanie Neun schon im Designteam war, hatte Lust etwas Gedrucktes zu gestalten und zu publizieren.
 
Der wahnsinnige Zufall, dass wir, Gesine, Laura und Dominikus exakt in einem Abstand von 4 Monaten zueinander Geburtstag haben, brachte uns auf die Idee ein Magazin zu gestalten, welches dreimal im Jahr erscheint. Und so wurde Laura an ihrem Geburtstag Co-Herausgeberin des blattmagazins, ein sehr persönliches Magazin mit Gedichten, Gedanken, Fotos und Nonsense aus dem Leben von uns dreien.
 
Schon nach der zweiten Ausgabe mit jeweils einer limitierten Ausgabe von 50 Stück merkten wir, dass unser Magazin eine Zielgruppe und ein Thema braucht, wenn wir mehr Leser*innen erreichen möchten. Auf diese Weise kamen wir Anfang 2020 auf die Idee, ein Magazin für zeitgenössischen Zirkus zu gründen und herauszugeben.
 

Die Cover der verschiedenen Ausgaben des Magazins. 
 
Ihr kommt ja eigentlich alle drei von der Bühne. Ist das Magazin dann vor allem ein Herzensprojekt und eine schöne Nebentätigkeit, oder eher ganz konkret der Aufbau einer Alternativkarriere, zum Beispiel nach der der Artistin, beziehungsweise des Artisten?

Für uns alle drei ist die Bühne schon von Anfang an nicht unsere einzige Leidenschaft gewesen. Gesine schreibt gerne und studiert Bildungswissenschaften, Laura studiert Kommunikationsdesign und Dominikus hat ein abgeschlossenes Designstudium. Wir haben das Magazin von Anfang an eher als eine Nebentätigkeit verstanden, weil es aktuell mehr Geld frisst als es einbringt. Natürlich ist es gleichzeitig ein Herzensprojekt und hat das Potenzial zur Haupttätigkeit zu werden, wenn die Leser*innenschaft so groß wird, dass wir uns einen Lohn auszahlen können.

Wir könnten durchaus immer mehr Zeit in das Magazin und die Verbreitung des Magazins stecken, aktuell lassen unsere Jobs, auf die wir finanziell angewiesen sind, Studium und unsere Leidenschaft des Artist*innendaseins dies aber nicht zu. Es ist gerade deshalb schön für uns zu sehen, dass wir uns trotz niedrigen finanziellen und wenig zeitlichen Ressourcen von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln. Wir verstehen das Magazin in unserem Leben als einen gleichwertigen Part neben dem sonstigen Dasein als Artist*innen.
  
  
Wie kommt ihr zu euren Beiträgen? Sind das Themen die euch als Artisten beschäftigen, oder doch viel mehr Themen denen ihr aus Neugierde journalistisch auf den Grund gehen wollt?
Wir sehen unsere Arbeit in der Redaktion als Forschung, Vernetzung und Dokumentation des zeitgenössischen Zirkus. Sowohl die Erforschung des zeitgenössischen Zirkus selbst als auch die Forschung zu Darstellungsformen des zeitgenössischen Zirkus auf dem Medium Papier ist eine eigene und neue Art der Darstellung.
  
Jede Ausgabe hat ein Leitthema. Dieses verstehen wir nicht als Einschränkung, sondern mehr als Inspiration, welches uns Hinweise zu Themen und Texten geben kann, über die wir schreiben möchten.
Bei der Themenwahl beeinflussen uns folgende Fragen:
Wie können wir das Bild von Zirkus im deutschsprachigen Raum erweitern?
Welche Themen beschäftigen die Akteur*innen des zeitgenössischen Zirkus?
Welches Thema könnte interessant sein auf Papier abzubilden?
Welchen Themen des zeitgenössischen Zirkus möchten wir einen Fokus geben?
  

Dominikus Moos beim Zwischenstopp im Tunnel.
 
Das Magazin sieht ja enorm professionell aus. Habt ihr das Fotografieren, das grafische Designen und allgemein Journalismus in irgendeiner Art gelernt?
Gesine liest und schreibt sehr viel, Laura sucht die Verbindung von Zirkus, Gesellschaft und Gestaltung und Dominikus hat einen guten Blick für schlichtes Design, Optik und fotografische Motive. Wir haben viel durchs Ausprobieren und Tun gelernt, aber natürlich auch durchs Studium.
 
Habt ihr noch vor Euch in einer dieser Fachrichtungen weiterzubilden?
Unser Plan ist es in Kooperation mit einem sehr erfahrenen Menschen aus dem Bereich Journalismus, besonders im Hinblick auf Kunst und Kultur, einen Weiterbildungsworkshop für Zirkusschaffende und sonstige Interessierte, die gerne die deutschsprachige Zirkusszene unterstützen möchten, zu entwickeln. Es gibt nicht nur viel zu wenige Menschen, die die Kunstform zeitgenössischer Zirkus kennen, es gibt auch kaum Menschen die darüber schreiben.
  
Ihr standet schon mehrfach gemeinsam auf der Bühne. Vereinfacht es die redaktionelle Arbeit, wenn man sich schon gut kennt?
Natürlich, wenn man die Stärken und Schwächen in vielerlei Hinsicht voneinander kennt, und auch in anderen Kontexten viel miteinander zutun hat, vereinfacht dies beispielsweise die Kommunikation. Auch das Vertrauen ist ein ganz anderes, weil es bei akrobatischen Figuren auf der Bühne einfach bedingungslos vorhanden sein muss. Dennoch ist die Andersartigkeit einer redaktionellen Arbeit im Gegensatz zu einer körperlichen nicht zu unterschätzen. Auf so einer theoretischen, organisierenden Ebene einen gemeinsamen Arbeitsrhythmus zu finden war auch nicht immer leicht.
  

Laura Runge auf dem Trapez in luftigen Höhen. 
 
Werdet ihr durch die journalistische Arbeit auch für die artistische Arbeit inspiriert? Bringt das Eine Impulse für das Andere?
Ja, definitiv. Zum Einen beschäftigt man sich viel theoretischer und tiefer mit Themen wenn man darüber schreibt, und ein für jede*n einigermaßen verständlicher Text dabei rauskommen soll, als wenn man sie in einer Produktion für die Bühne nur in Notizen festhält oder praktisch bearbeitet. Und zum Anderen können wir Artist*innen uns wahrscheinlich besser in andere Akteuer*innen aus dem zeitgenössischen Zirkus hineinversetzen, verstehen, interviewen, abbilden und einen Raum geben, weil wir dazu gehören, gleiche Erfahrungen gemacht haben und auch eine*r von ihnen sind.
 
Ist es manchmal schwer, die beiden verschiedenen Arbeiten voneinander zu trennen/getrennt zu halten?
Nein, das ist eigentlich recht einfach, das eine findet hauptsächlich am Computer statt und das andere hauptsächlich in der Trainingshalle. Es kommt häufiger vor, dass wir während der Redaktionsarbeit Bewegungsmangel haben und uns dann gemeinsam körperlich Bewegen oder dass wir uns während dem Proben und Zirkustraining über das Magazin unterhalten und Ideen für das Magazin entstehen. Aber solange wir uns keine Stunden aufschreiben, weil es kein Geld gibt, dass wir uns auszahlen könnten, machen wir uns auch keinerlei Gedanken darüber, dass die beiden Arbeiten miteinander verschwimmen.
 
Was ist das Beste daran, ein eigenes Magazin herauszugeben?
Was wirklich toll ist, ist dass wir mittlerweile sehr viele interessante Künstler*innen und Menschen treffen. Wir haben immer einen super Grund ihnen alle möglichen Fragen zu stellen und Projekte mit ihnen zu machen. Wahnsinn, wie viele Menschen wir kennenlernen dürfen und Wahnsinn, was diese Menschen alles tun.
  

Gesine Jäger im stehenden Spagat. 
 
Was ist euer Wunsch für das Magazin in der Zukunft?
Wir würden gerne dazu beitragen, dass mehr Aufmerksamkeit für den zeitgenössischen Zirkus im deutschsprachigen Raum generiert werden kann, besonders mehr Kontakt zu Menschen die Zirkuszuschauer sind oder den zeitgenössischen Zirkus noch gar nicht kennen.
 
Außerdem würden wir gerne zu mehr Austausch innerhalb der Zirkusszene beitragen, durch das gedruckte Magazin, aber auch zu Menschen außerhalb der Szene und aus anderen Kunstsparten. Wir wünschen uns, dass uns das Magazin nicht irgendwann belastet und unter Druck setzt, sondern weiter frei und mit Freude gestaltet und herausgegeben werden kann.
  
Was würdet ihr den Menschen in dieser Zeit gerne noch mit auf den Weg geben?
Versucht die Zeit zu nutzen um über den Tellerrand zu schauen, gebt eure Berufung nicht auf, falls diese auf dem Spiel steht, sondern lasst sie tanken.
Es ist okay, falls es euch schlecht geht. Wenn euch jemand sagt: "Jammer nicht so viel, es geht gerade allen schlecht." Antwortet einfach: "Ich jammer nicht, ich empfinde."
Empfindungen schaden nie, wir müssen sie nur manchmal in die richtige Bahn lenken.
Gebt aufeinander Acht, lasst euch nicht kleinkriegen, wir können uns gemeinsam durch diese Zeit tragen.
   
 Artist Mikail Karahan auf dem Cover der aktuellen Ausgabe. 

Vielen Dank an die Redaktion des tadaa Magazins, die sich trotz vollem Alltag für uns Zeit genommen hat. Durch journalistische Arbeit aus dem Herzen dieser Kunstform heraus tragen die drei dazu bei, dass es immer mehr Interesse und Wertschätzung für den Zeitgenössischen Zirkus gibt.
 
Falls ihr Lust auf das Magazin bekommen habt, dann schaut doch gerne einmal auf tadaamagazin.de vorbei - dort kann das Magazin einzeln oder im Jahresabo auf Spendenbasis bestellt werden!

 

  

 

Fotos:

Titelbild: Dominikus Moos
Artist: Mikail Karahan

1. Foto: Dominikus Moos

2. Foto: Gesine Jäger
Artist: Dominikus Moos

3. Foto: Dominikus Moos
Artistin: Laura Runge

4. Foto: Dominikus Moos
Artistin: Gesine Jäger

5. Foto: Dominikus Moos
Artist: Mikail Karahan




 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.