Mehr können mehr: Anerkennung für den Neuen Zirkus

Interview

Fans des CHAMÄLEONs wissen, dass bei uns der Neue Zirkus auch außerhalb des Spielplans ganz groß im Programm steht. Besonders die Kolleg*innen der CHAMÄLEON Productions setzen sich mit ihrer Arbeit stark für eine größere Anerkennung und mehr professionellen Austausch innerhalb dieses Genres ein. Wir haben uns mit unserer künstlerischen Leiterin Anke Politz getroffen und über die Netzwerkarbeit der CHAMÄLEON Productions, das Manifest des zeitgenössischen Circus und aufregende anstehende Projekte gesprochen.

 

 

CHAMÄLEON: Liebe Anke, Du bist nicht nur die künstlerische Leiterin des CHAMÄLEON Theaters, sondern auch künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der CHAMÄLEON Productions GmBH. Was ist denn die CHAMÄLEON Productions und was macht Ihr so?

Anke: Das ist aber eine schöne, unkomplexe Frage! (lacht). Die CHAMÄLEON Productions ist eine Produktionsfirma, die zeitgenössische Zirkusshows produziert, koproduziert oder präsentiert. Darüber hinaus sind wir außerdem eine Kreativagentur, die künstlerische und strategische Konzepte für Shows, Spielstätten oder Künstler*innen entwickelt.

Nicht zu vergessen Euren Einsatz im Netzwerkbereich. Schon in Deinem letzten Interview hatten wir kurz darüber gesprochen und Du hast damals die Verbesserung der Produktionsbedingungen für Zirkuskünstler*innen als Dein großes Ziel genannt. Warum ist Dir diese Arbeit so wichtig?

Hmmm. Ich habe nun gestern auf Empfehlung meiner Kollegin „Chef’s Table“ geschaut. (Eine geniale DokuSerie auf Netflix über die Meisterköche dieser Welt, Anm.d.Red.) Eine Folge handelte von einem französischen Koch, der ausschließlich Obst und Gemüse aus seinen eigenen Gärten verarbeitet. Diese Erzeugnisse sind damit die Basis für seine ganze weitere Arbeit. Die Basis unserer Arbeit wiederum sind Künstler*innen, Kreative, Ideen, Konzepte, die wir nehmen und weitertragen können. Damit diese Zutaten aber erst mal entstehen können, braucht es ein gesundes Umfeld! In unserer Welt bedeutet das Inspiration, Professionalität, Kreation, Austausch, Probenräume, Budgets, Produktionsmittel.  Und hier kommt die Netzwerkarbeit ins Spiel, denn gemeinsam können wir den Nährboden für Künstler*innen reichhaltiger gestalten, bessere Infrastrukturen schaffen, mehr Unterstützung bieten. In Deutschland gibt es wahnsinnig wenig geförderte oder gesicherte Strukturen für Zirkuskünstler*innen, wenn wir aber auch in Zukunft tolle Projekte umsetzen wollen, müssen die ja irgendwo herkommen. Auch die Veranstalter*innen und Produktionsfirmen können meiner Meinung nach von einem gemeinsamen Austausch nur profitieren. Einfach um zu sehen, was der/die andere für die Zukunft geplant hat, denn vielleicht kann man das ja miteinander verbinden. Am Ende ziehen wir ja alle an einem Strang und ich bin sicher, dass professioneller Austausch und Vernetzung nur gut sein können.

 

Los geht's. Photo by Mats Bäcker.

 

Wie sieht diese Netzwerkarbeit praktisch aus? Gibt es bestimmte Partner oder Initiativen, mit denen Ihr zusammen arbeitet?

Auf jeden Fall. Die Netzwerk-Initiativen, mit denen wir zusammen arbeiten, sind die bekannten Zirkusinitiativen: Netzwerk Zirkus, die Initiative Neuer Zirkus und wir sind seit kurzem Mitglied im europäischen Netzwerk Circostrada. Darüber hinaus sind wir sehr eng mit den Kompanien verbunden, die bei uns spielen und mit denen wir uns regelmäßig über neue Standards, Projekte und Entwicklungen austauschen. Was wir gerade anstreben und fördern möchten, sind ähnliche Konstellationen auf Veranstalter- und Theaterebene. Erst neulich war ein dänischer Veranstalter bei uns, der mir von seinem großen dänischen Theaternetzwerk der geförderten Häuser erzählte. Die Veranstalter*innen treffen sich regelmäßig, um sich gemeinsam über ihre Programmplanung auszutauschen und legen großen Wert auf diese Art der Zusammenarbeit. Denn einer alleine hat nicht immer das Geld, ein großes Gastspiel umzusetzen, aber durch den Austausch und die Vernetzung können sie gemeinsam versuchen, ganze Tourneen auf die Beine zu stellen. So können die Veranstalter*innen den Kompanien das anbieten, was diese in Summe brauchen und sich selbst tolle Inhalte ermöglich, die sie sich einzeln nicht leisten könnten. Es ist das simpelste Prinzip der Welt: Mehr können mehr miteinander umsetzen als einer für sich alleine. Ich denke, das ist doch ein schönes Beispiel dafür, wo die Reise hingehen kann.

Dass Netzwerkarbeit in diesem Umfang überhaupt nötig ist, hat wahrscheinlich auch viel mit dem Stellenwert des Neuen Zirkus in Deutschland zu tun. Strukturen, wie sie im klassischen Theater längst etabliert sind, gibt es in diesem Genre schlichtweg noch nicht.

Das stimmt und liegt vor allem daran, dass der Neue Zirkus als Kunstform noch relativ unbekannt ist. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern das ist auf der ganzen Welt so, weil das Genre einfach noch sehr jung ist. Daher ist es umso wichtiger, immer wieder darüber zu sprechen, damit die Leute wissen, was sie da überhaupt sehen! Und auf der anderen Seite, und das ist wirklich tragisch, gibt es Zirkuskünstler*innen, die jahrelang zur Schule gehen, sogar einen staatlichen Abschluss als Zirkusartist*in haben und trotzdem nicht als Künstler*in anerkannt sind. Zumindest nicht im deutschen Kunstverständnis, was aber dazu führt, dass Artist*innen bei vielen Fördermitteln nicht antragsberechtigt sind. Das ist einfach ein Missverhältnis, das es zu ändern gilt.

 Regiebesprechung während den Previews von UNDERART. Photo: Mats Bäcker.

 

Hier kommt das „Manifest des zeitgenössischen Circus in Deutschland“ ins Spiel, das ihr gemeinsam mit der Initiative Neuer Zirkus, Sebastiano Productions und dem Berlin Circus Festival verfasst habt. Wie ist es dazu gekommen?

Es entstand aus einem Netzwerktreffen mit vielen verschiedenen Akteur*innen und als uns allen schnell klar wurde, dass wir mit bloßen Feststellungen nichts erreichen können. Klagen bringen einfach nicht viel. Stattdessen muss man sich organisieren, eine Stimme finden und im günstigsten Fall etwas schriftlich absetzen, das man anderen Menschen in die Hand geben kann. Und das ist dann unser Manifest geworden. Es ist der Versuch einer kleinen Gruppe für eine Gesamtheit zu sprechen, um die ersten, ganz simplen, aber elementaren Forderungen zu stellen. Um klar zu sagen, wir möchten, dass diese Kunstform und ihre Künstler*innen anerkannt werden. Wir möchten, dass die Fördertöpfe erweitert werden und sich Künstler*innen genauso auf Fördermittel bewerben können, wie es auch beispielweise moderne Tänzer*innen tun können. Mit dem Manifest haben wir versucht, etwas für alle zu formulieren und jetzt bitten wir alle, es zu unterschreiben. Dadurch können wir diesem Thema hoffentlich mehr Öffentlichkeit verschaffen und mehr Menschen finden, die sich dafür einsetzen möchten. Das ist alles ein sehr langer Weg, aber irgendwo muss man ja anfangen.

 Erste Vorbesprechung zum Manifest im Sommer 2016.

 

Und wie geht es dann weiter mit dem Manifest? Was sind die nächsten Schritte?

Das Manifest ist jetzt seit einem guten Jahr im Umlauf, um Unterschriften zu sammeln und Unterstützer zu finden.  Zwischen dem 26. August und dem 3. September werden es die Verfasser*innen auf dem Berlin Circus Festival dann vorraussichtlich offiziell der Presse und der Kulturverwaltung  übergeben. Einfach um zu sagen: ‚Hey, das hier ist unsere erste Aktion für den zeitgenössischen Zirkus. Lest es Euch doch mal durch und last uns ins Gespräch kommen’. Wenn wir dadurch mehr Aufmerksamkeit für den zeitgenössischen Zirkus bekommen und einen Diskurs anstoßen können, dann wäre das großartig. Wir alle wissen, die Gelder sind knapp, aber wir möchten klar machen, dass wir es verdient haben, anerkannt, gesehen und gehört zu werden und dass die vielfältige Kulturlandschaft unserer Stadt wiederum mehr Unterstützung und Förderung verdient hat.

Die ersten Erfolge sind auch bereits da: Die CHAMÄLEON Productions hat vor kurzem vom Berliner Senat einen Zuschlag gestattet bekommen und wird 2017 und 2018 Residenzprogramme für Künstler*innen anbieten können. Das ist großartig! Kannst Du uns schon mehr über das Konzept verraten?

Das ist definitiv ein riesengroßer Erfolg und eine wahnsinnige Anerkennung unserer Arbeit und dieser Kunstform. Dem Ganzen stehe ich mit sehr viel Respekt und einer guten Portion Nervosität gegenüber, da es sich natürlich um einen großen Vertrauenszuspruch handelt. Zu den Einzelheiten kann ich aber nur sagen: Stay tuned! (lacht). Wir müssen erst noch ein paar Dinge vorbereiten, bevor wir in die Ausschreibung gehen können. De facto werden aber Künstler*innen über einen gewissen Zeitraum begleitet und unterstützt, um künstlerisch neue Wege gehen zu können. Ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel und ohne Produktions- oder Marktzwänge. Der Prozess wird von Fachleuten aus verschiedenen Sparten begleitet, um den genreübergreifenden Ansatz des Neuen Zirkus auch nachhaltig leben zu können. Für uns ist das ein wunderbares und besonderes Projekt!

 Kreatives Chaos beim Einrichten einer neuen Show im CHAMÄLEON. Photo: Mats Bäcker.

 

Man merkt schon, aufregende Zeiten stehen bevor! Träum dich doch mal in eine perfekte Welt und sag uns deine liebste Zukunftsversion für die CHAMÄLEON Productions und deine Arbeit.

Ha! Da fang ich mal im Kleinen an. Für uns, die CHAMÄLEON Productions, gehört zu einer perfekten Version der Zukunft ganz klar die unbedingte Notwendigkeit, den Spielbetrieb im CHAMÄLEON so sicher stellen zu können, dass wir auch weiterhin tolle, herausragende Partner zu uns holen können. Dass das Theater ein gesunder, erfolgreicher, schöner Ort bleibt, und es uns gelingt, unsere Gäste mit außergewöhnlichen Produktionen zu überraschen und ihren Besuch im CHAMÄLEON zu etwas Besonderem zu machen. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, noch mehr in die inhaltliche Auseinandersetzung jenseits des Theaters gehen zu können, also unseren Wunsch nach größerer Professionalisierung und mehr Netzwerkarbeit voran treiben zu können. Ich möchte Workshops, Weiterbildungen und Residenzen anbieten können und Konferenzen für die Branche ausrichten. Vielleicht werden wir uns auch eines Tages größer aufstellen können und mit weiteren Bühnen und Produktionspartnern zusammen arbeiten, um auch jenseits dieser Bühne Shows zu produzieren und zu präsentieren... Aber das ist definitiv noch komplette Zukunftsmusik! (lacht).

 

 

Mehr über Anke Politz und die CHAMÄLEON Productions in der Gegenwartsversion kann man hier erfahren. Das „Manifest für zeitgenössischen Circus in Deutschland“ sollten Sie unbedingt hier unterschreiben. Wer sich vom Zauber des zeitgenössischen Zirkus aber lieber erstmal selbst überzeugen möchte, dem oder der sei unsere aktuelle Show empfohlen.

 

Wir danken Anke Politz für das Interview und freuen uns auf’s nächste Mal!

 

 


Titelbild: Darcy Grant Photography

 
Keine Gewähr auf Vollständigkeit.