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Hinter den Kulissen

Das Chamäleon wird gemeinnützig

Alles bleibt anders. Als wir vor 6 Monaten nach langer Schließzeit endlich unsere Wiedereröffnung feiern durften, lag für uns bereits ein langer Prozess der Selbstfindung und des Alles-in-Frage-Stellens hinter uns. Noch nie war unser Theater so lange geschlossen gewesen. Die permanenten Kraftanstrengungen, den Betrieb und seine Arbeitsverhältnisse zu sichern, waren enorm und die intensiven Begegnungen mit den hart betroffenen Künstler:innen haben für uns viele Fragen aufgeworfen. Wofür wollen wir uns einsetzen? Was wollen wir verändern? Wofür stehen wir?

Für uns ist klar geworden, dass wir in Zukunft unser Selbstverständnis als Produktions-, Kreations- und Aufführungsstätte für zeitgenössischen Zirkus noch konsequenter leben wollen. Als großen Schritt haben wir uns entsprechend unserer inhaltlichen Aufgabenstellung, künstlerischen Vision und sozialen Verantwortung neu aufgestellt. Und unsere Gesellschaftsstruktur hat sich um ein kleines, aber ausschlaggebendes „g“ erweitert: Das Chamäleon arbeitet nun als anerkannte gemeinnützige Gesellschaft.

Ein Moment im Theatersaal während der Vorbereitung auf ein neues Stück. Regisseur und Intendantin sind zwischen verschobenen Tischen und Stühlen im Gespräch.

Für uns ist die Gemeinnützigkeit eine logische Schlussfolgerung und auch eine Form der Anerkennung unserer bisherigen Arbeit, denn sie schreibt fest, was wir im Herzen längst sind: „Seit 17 Jahren haben wir uns als privatwirtschaftliches Haus um einen komplexen Balanceakt zwischen Kunst und ökonomischen Zwängen bemüht“, sagt Intendantin Anke Politz. „Unser Ziel war dabei immer die künstlerische Auseinandersetzung und die Künstler:innen selbst im ganzen Schaffensprozess zu unterstützen.“

Dabei hat uns der Wunsch nach einer strukturellen Veränderung über die Jahre immer wieder begleitet. Zum einen wollten wir einen Weg finden, den gesamten Chamäleon-Kosmos und unsere damit verbundenen Wertvorstellungen besser abzubilden. Zum anderen sahen wir uns als GmbH oftmals mit der verzerrten Wahrnehmung des „kommerziellen“ konfrontiert, wobei häufig im Unklaren geblieben ist, was damit tatsächlich gemeint ist oder wie eine eindeutige Definition lauten könnte. Festzustellen ist, dass die Gewinnerzielungsabsicht bei einer klassisch arbeitenden GmbH im Vordergrund steht, wir jedoch schon immer mit anderen Zielvorgaben gearbeitet haben. Dabei ist vermutlich die bedeutsamste Errungenschaft, dass unser Hauptgesellschafter eher philanthropische Ansätze verfolgt und monetäre Renditen eine untergeordnete Rolle spielen – ergänzt durch ein extrem vertrauensvolles Miteinander entstand hierdurch eine einzigartige Mischung . „Unser oberstes Ziel war immer, eine nachhaltige Arbeitsweise im Kulturbereich zu leben und auszugestalten“, sagt Geschäftsführer Hendrik Frobel. „Wir haben es immer als eine Art Selbstverpflichtung gesehen, alle Erträge zurück in unsere Arbeit zu investieren. Nur so kann der Kreislauf des künstlerischen Schaffens am Leben gehalten werden.“

Die Wenigsten, die im Kulturbereich arbeiten, tun das aus materiellen Gründen. Wir alle werden angetrieben von dem Wunsch, etwas Unmögliches Realität werden zu lassen, um Ideen erleb- und spürbar zu machen. Als Produktions- und Spielstätte ist es immer unser Anspruch, den künstlerischen Schaffensprozess und die Lage der Künstler:innen ganzheitlich mitzudenken. „Drei wesentliche Dinge bestimmen unser Streben“, sagt Anke Politz. „Wir sind ein Produktions- und Uraufführungsort für zeitgenössischen Zirkus, wir geben der freien Szene geschützten Raum für ihr künstlerisches Schaffen und wir leben Theater als sozialen Ort – verantwortungsbewusst, offen, herzlich und respektvoll.“

Das Technikteam bei der Arbeit

Dennoch sind uns natürlich Grenzen gesetzt. Unsere künstlerische Vision, unser Anspruch an die Arbeitsbedingungen für Künstler:innen und Mitarbeitende sowie die notwendige Arbeit für eine stärkere künstlerische Auseinandersetzung kann auch in den besten Zeiten nicht allein von Ticketeinnahmen finanziert werden. „Dank des Gemeinnützigkeitsstatus öffnen sich uns neue Möglichkeiten, unsere Arbeit auch finanziell zu unterstützen“, sagt Hendrik Frobel. „Wir können uns nun an Fördermittelgeber:innen wenden, die uns ohne die anerkannte Gemeinnützigkeit gar nicht hätten berücksichtigen dürfen. Hoffentlich können wir damit für mehr Sichtbarkeit für den zeitgenössischen Zirkus an sich sorgen – und dafür, dass diesem wunderbaren Genre mehr Zuwendungen zugänglich gemacht werden, die für andere Kunstformen selbstverständlich sind.“

In diesem Sinne ist eine gemeinnützige GmbH genau das richtige für uns. Sie ist das klare Bekenntnis, dass wir alle Einnahmen in diesen Kreislauf zurückfließen lassen und uns damit der Förderung von Kunst und Kultur unmissverständlich verpflichten. Für andere Unterstützer:innen sind die regelmäßigen Prüfungen des Gemeinnützigkeitsstatus und die damit verbundenen Auflagen wie eine Art „Gütesiegel“ und ein klares Bekenntnis für die Mittelverwendung. „In der Vergangenheit haben wir mehrfach Gespräche mit Kooperationspartner:innen geführt, die sich für die Förderung von Kunst und Kultur gern intensiver engagieren wollten, dies jedoch in Form von Kultursponsorings oder Spenden umsetzen wollten. Ich hoffe, dass wir unser Potential in Zukunft noch vielfältiger entfalten und uns finanziell stabiler aufstellen können“, sagt Hendrik Frobel. Besonders angesichts einer Pandemie, deren Auswirkungen noch lange nachhallen werden.

Silhouette der Intendatin im Schatten. Sie schaut geradeaus auf die Bühne auf zwei Künstlerinnen im Licht.

Trotz der Schwere dieser Zeit fühlen wir uns inhaltlich in unserer Arbeit enorm bestätigt und dahingehend ermutigt, konsequent künstlerische Innovation zu fördern und die Zugänge zur Bühne und dem Programm barriereärmer zu gestalten. Als Produzentin sind wir angetrieben von dem Wunsch, Ideen und Stimmen zu unterstützen, die ein Gegengewicht zum Mainstream darstellen und relevante künstlerische, politische oder gesellschaftliche Positionen einnehmen. Besonders unsere letzte Spielzeit hat mit ihrer eher unkonventionellen Programmierung und den vielen Zusatzprogrammen und Gästebegegnungen verdeutlicht, dass unser Publikum einem innovativen Bühnenprogramm aufgeschlossen und interessiert gegenübertritt.

„Wir wollen in Zukunft noch mehr kulturelle Teilhabe ermöglichen, wir möchten barriereärmer werden und unterschiedliche Menschen in all ihrer Vielfalt erreichen“, so Anke Politz. Dafür soll es künftig noch mehr moderierte Publikumsgespräche geben, mehr Panel-Diskussionen und Vorstellungen mit Begleitung in Deutsche Gebärdensprache. Wir wollen Ressourcen und Bühnenrepräsentation für feministische, queere, inklusive und postkoloniale Positionen schaffen und unsere Netzwerkarbeit weiter ausbauen, um den zeitgenössischen Zirkus als Ganzes zu stärken. „Es gibt noch so viel zu tun und so viele spannende Ideen, auf die wir ganz viel Lust haben“, so Hendrik Frobel. „Geändert hat sich für uns ganz viel und ganz wenig. Wir arbeiten mit der gleichen Intention und aus der gleichen Überzeugung wie immer – nur noch stärker, mit noch mehr Leidenschaft und ganzen vielen wunderbaren neuen Möglichkeiten.“

Fotos: Mats Bäcker, Lucia Gerhardt, Darcy Grant
Titelbild: Jana Kießer