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Das Lebendige Lexikon

Die Welt des Handbalancing

Ein Interview mit Antonio Panaro

Handbalancing ist ein Zusammenspiel von Kraft, Flexibilität und guter Körperkontrolle. Es beschreibt die Kunst, Balance und Bewegungen auf ein oder zwei Händen auszuführen und braucht jahrelanges Training.

Einer, der diese Disziplin perfekt beherrscht, ist der italienische Akrobat Antonio Panaro, genannt Tony. Er und sein Team waren im Frühjahr 2026 mit der Show BELLO! auf der Bühne des Chamäleon Theaters zu sehen. In unserem Interview gibt er spannende Einblicke in seinen Weg vom Kunstturnen bis zur professionellen Zirkusakrobatik und erzählt davon, was Handbalancing für ihn so besonders macht.

Aus dem Stück: Der Handstandkünstler Tony, macht einen einarmigen Handstand auf Stäben. Seine Beine befinden sich gegrätscht und im 90° Grad Winkel zu seinem Körper. Foto: Andy Phillipson

Hey Tony! Würdest du sagen es gibt bestimmte Voraussetzungen, um einen Handstand zu lernen?

Ich muss leider ehrlich sagen, dass man fitter sein muss als man denkt. Denn man benutzt die Arme als Beine, das ist ja eigentlich nicht natürlich. Wenn man es nicht richtig lernt, kann man viel falsch machen und sich dadurch auch verletzen. Der beste Rat ist für mich daher, die eigene Kondition nicht zu unterschätzen, bevor man mit dem Handstand beginnt. Wenn man darüber nachdenkt, ist es doch unrealistisch, einen Handstand zu halten, wenn man keine 10 Liegestütze schafft. Wenn man aber stark und flexibel ist und zudem über ein gutes Gleichgewichtsgefühl verfügt, sind das drei sehr gute Voraussetzungen.

Wo ist dein Fokus, wenn du im Handstand stehst? Worauf konzentrierst du dich?

Das Wichtigste ist, wo genau das Gewicht auf meinen Händen liegt. Ich versuche, es immer nach vorne auf meine Finger zu konzentrieren statt auf die Handballen. Der Hauptgrund, wenn du das Gleichgewicht nicht halten kannst, ist meistens, dass dein Gewicht auf den Handballen liegt. Dann hat man keinen Spielraum, um es auszugleichen, wenn man mit dem Rest des Körpers nach hinten kippt. Stattdessen sollte man das Gewicht auf die Finger verlagern, da die Finger viel beweglicher sind als der Handballen. So kann man das Gleichgewicht besser halten und mehr damit spielen.

Wenn ich Handstand auf zwei Armen mache, liegt mein Fokus auf einer imaginären Linie, welche die Mitte meiner Zeigefinger verbindet. Wenn ich auf dem Boden auf einem Arm stehe, ist es im Grunde wieder diese Linie, aber ich verlege den Punkt auf den Daumen. Wenn ich auf Canes (auf hohen Stäben) im Handstand stehe, ist es das Grundgerüst, in dem die Stäbe stecken.

Schaust du woanders hin, wenn du ein Flyer bist, also Handstand auf den Händen einer anderen Person machst?

Normalerweise schaue ich auch auf den Boden, aber ich weiß, dass es verschiedene Techniken gibt. Manche schauen zum Beispiel auf die Brust des Partners oder der Partnerin oder auf ein bestimmtes Körperteil. Letztendlich ist das aber nicht so wichtig, da die Partnerin oder der Partner das Gleichgewicht hält und dich balanciert.

Selbst wenn du im Idealfall die Augen schließt und einfach nur stillhältst – sofern du ein*e sehr gute*r Flyer*in bist –, kann die andere Person das Gleichgewicht für dich halten.

Würdest du also sagen, dass Handstand auf den Händen Anderer einfacher ist als auf dem Boden?

Theoretisch ja. Für mich nein. Für mich ist es super schwer das Gleichgewicht jemand anderem zu überlassen.

Mir ist außerdem aufgefallen, dass mir der Winkel meiner Handgelenke besonders wichtig ist.
Beim Handstand habe ich normalerweise ein sehr klares Gefühl für den Boden, mein Gleichgewicht und meine Haltung, wenn mein Handgelenk einen 90-Grad-Winkel bildet. Beim Handstand auf der Base gibt es jedoch meistens keinen 90-Grad Winkel.

Es handelt sich um eine ganz andere Art der Handstandakrobatik, die man neu anpassen muss.

Fällt dir ein ungewöhnlicher Ort ein, an dem du mal einen Handstand gemacht hast?

Das Erste, woran ich mich jetzt erinnere, war eine Zusammenarbeit mit dem Bello-Team. Manchmal machen wir ortsspezifische Aufführungen. Wir begeben uns also an einen Ort – meistens im Freien – und spielen mit der Architektur des Ortes. Wir stellen eine 20-minütige Performance zusammen, die wir dann ein paar Tage lang aufführen. Unsere letzte ortsspezifische Show fand in Turin in Italien statt.

Ein ungewöhnlicher Ort, an dem ich einen Handstand gemacht habe, war während einer solchen Aufführung. Es war auf einer von zwei Säulen, die fast vier Meter hoch war. Dazu musst du wissen, dass ich ziemliche Höhenangst habe.
Wenn ich aber auf den Untergrund schauen kann, auf dem ich balanciere und nicht in die Leere, dann gibt mir das ein Gefühl von Sicherheit.
Und wenn man einen Handstand in solchen Höhen macht, wendet man nicht die perfekte Technik an. Man hält die Schultern etwas näher beieinander, man bleibt in einer sicheren Haltung, in keinem 180° Winkel. Falls man doch fällt, fällt man zumindest sicher auf die Bauchseite.

Was ist dein Tipp Nr. 1 für Beginner*innen?

Push! Push! Push!

Du musst dich im Handstand mit den Schultern hochdrücken. Meiner Meinung nach ist es technisch gesehen die wichtigste Regel.
Aber es gilt auch: Genieße das Konditionstraining. Selbst das Training, bei dem du dich nicht in den Handstand stellst, sondern das dich darauf vorbereitest.

Was ist für dich das Beste Gefühl, wenn du im Handstand stehst?

Das beste Gefühl ist auf jeden Fall, wenn man auf dem Boden im Handstand steht, die Beine eng beieinander, die Arme nach oben, und man spürt, dass der Körper total feststeht. Die Ellbogen sind gestreckt und man spürt nur, wie sich das Gewicht sehr schnell auf alle Punkte der Hände verlagert und nur minimale Bewegungen in der Hand ausreichen, um deinen ganzen Körper zu balancieren. Das ist wirklich etwas Besonderes.

Es gab da einen Ausdruck, den mein Lehrer in der Circus Universität in Stockholm zu diesem Gefühl gesagt hat: Jetzt spürst du die Kraft des Universums in deinen Händen.