Teeterboard im Kontext des Zeitgenössischen Zirkus
Teeterboard ist eine Art überdimensioniertes Wippen und wird auf Deutsch daher oft als Wippbrett oder Schleuderbrett bezeichnet. Dabei steht mindestens eine Person auf dem Brett und wird durch die Gegenkraft anderer Artist*innen in die Luft katapultiert, um dort akrobatische Figuren, Saltos und Drehungen auszuführen. Das Zusammenspiel zwischen den Springern am Brett erfordert höchste Präzision, Vertrauen und Timing.
Teeterboard gehört mit zu den ältesten und gleichzeitig beeindruckendsten Zirkusdisziplinen und obwohl sie vor allem im klassischen Zirkus zuhause ist, hat sie gerade in den letzten Jahren auch im Zeitgenössischen Zirkus an Bedeutung gewonnen. Doch was macht diese Disziplin so besonders? Welche Herausforderungen bringt sie mit sich? Und wie könnte das Teeterboard zukünftig im Zeitgenössischen Zirkus mehr Aufmerksamkeit erhalten?
Um diese Fragen zu beantworten, haben wir uns mit Sam Letch unterhalten, einem erfahrenen Teeterboard-Künstler aus England. Sam ist Teil der australischen Kompanie Circa und performte bis vor kurzem in der Show Wolf im Chamäleon.
Foto: Billie Wilson-Coffey
Hi Sam! Würdest du sagen es braucht bestimmte körperliche Voraussetzungen um Teeterboard Akrobat*in zu werden, wie zum Beispiel eine Mindestgröße oder eine bestimmte Statur?
Ich denke, nein, zumindest, wenn man sich auf die physische Leistungsfähigkeit bezieht. Teeterboard kann man mit den unterschiedlichsten körperlichen Voraussetzungen machen. Ich denke, es ist eher eine Frage der Mentalität. Man sollte eine gewisse Furchtlosigkeit mitbringen und ein gewisses Bewusstsein über die eigenen Fähigkeiten haben. Wenn man anfängt oder dazu neigt, Angst zu haben, ist Teeterboard sicher nicht das Richtige, denn es geht auch darum, zu wissen, was man tun muss, wenn etwas schief geht. Gerade bei einer solchen Disziplin merkt man sofort, ob alles nach Plan läuft oder nicht und man muss sofort reagieren können. Ich denke also, dass es mehr mentale als körperliche Anforderungen sind.
Wie war das bei dir zu Beginn. Wie und warum hast du mit dem Teeterboard begonnen?
Ich habe damals in meiner Zirkusschule, dem National Center for Circus Arts in London, mit dem Teeterboard-Springen angefangen. Es sah nach Spaß und Aufregung aus, ich fand es einfach cool und es ist eine Disziplin, bei der ich die Kontrolle über das habe, was ich tue. Es hängt also irgendwie von mir ab, auch wenn mehr als eine Person beteiligt ist. Es liegt in der Verantwortung der anderen Person, bis ich das Teeterboard verlasse, dann bin ich ganz allein in der Luft, und wenn ich wieder herunterkomme, liegt die Verantwortung wieder bei der anderen Person.
Es gibt ja verschiedene Arten des Teeterboard-Springens. Kannst du uns etwas dazu erzählen?
Ja genau, also traditionell gibt es zwei Arten: die koreanische und die ungarische. Bei der ungarischen Variante springen zwei oder mehr Personen auf die eine Seite und die Person auf der anderen Seite wird in die Luft katapultiert und landet dann auf einer Matte.
Die koreanische Variante, ist die, die ich mache, bei der man auf beiden Seiten des Bretts springt. Also man landet wieder auf dem Brett und die Person gegenüber springt direkt wieder in die Luft. Derzeit gibt es zum Beispiel auch ein aktives Solo-Teeterboard. Dieser Mensch springt mithilfe eines Gewicht am anderen Ende des Boards. Es gibt aber zum Beispiel auch eine Gruppe namens Scandinavian Boards, die auf drei Teeterboards, also von einem zum anderen springen.
Und wie findet man eigentlich einen Teeterboard-Partner? Welche Faktoren waren beispielsweise für dich wichtig und ist es schwer jemanden zu finden?
Ich habe meinen Teeterboard-Partner damals gefunden, weil wir im gleichen Jahrgang waren und uns super gut verstanden haben. Wir sind uns ziemlich ähnlich, haben eine ähnliche Mentalität. Damals haben wir am gleichen Tag mit Teeterboard angefangen und uns beide sofort darin verliebt. Wir waren auch beide gut im Trampolinspringen, also passte das einfach gut zusammen. Ich glaube, wenn ich heute einen Partner suchen würde, wäre mir viel Vertrauen wichtig. Ich muss mich wohlfühlen. Ich muss das Gefühl haben, dass diese Person meine Sicherheit über ihre eigene stellt und umgekehrt. Ja man muss einfach gut miteinander auskommen und meiner Meinung nach auch befreundet sein. Ich würde nicht mit jemandem Teeterboard sringen wollen, der nicht mein Freund ist.
Einen Partner zu finden ist sehr schwierig, besonders jetzt, wo man älter wird und das körperliche Risiko größer ist, und es braucht Zeit, jemandem zu vertrauen, dem man möglicherweise sein Leben anvertraut. Dazu kommt, dass die Welt des Teeterboards sehr klein ist, daher kann es schwierig sein, die richtige Person zu finden.
Welche Nachteile bringt das Teeterboard mit sich?
Definitiv die Verfügbarkeit. Ich finde es ziemlich schwierig, ein Teeterboard zu transportieren. Das kann sehr teuer werden, da es einfach sehr groß und sperrig ist. Ebenfalls muss es auch richtig gelagert werden. Man muss auch im Hinterkopf behalten, dass es eine gefährliche Sportart ist, wofür man auch mehr Geld verlangen darf. Ich habe manchmal das Gefühl, dass einige versuchen, den Preis zu unterbieten, aber am Ende liegt es an den Teeterboard-Artist*innen, einen angemessenen Preis für ihre Arbeit festzulegen.
Wenn es so schwer ist, teilweise an ein Teeterboard zu kommen, welche Möglichkeiten hat man ohne ein Board für die Disziplin zu trainieren?
Das, was einem Teeterboard am nächsten kommt, ist ein Trampolin. Momentan habe ich leider keine Möglichkeit, auf einem Teeterboard zu trainieren, aber wann immer ich die Gelegenheit dazu habe, springe ich auf einem Trampolin.
Wie ist das denn eigentlich meterweit in die Höhe katapultiert zu werden? Kannst du das Gefühl beschreiben?
Für mich gibt es drei Punkte beim Teeterboard: Zuerst ist da der Moment, in dem man den Stoß ausführt. Das ist beängstigend, weil die ganze Kraft in den Füßen spürt und eine perfekte Position treffen muss, um die richtige Flugbahn zu erwischen. Aber sobald die Zehen das Trampolin verlassen, ist alles für eine Sekunde wie erstarrt, und dann kommt man wieder herunter, und das Gleiche passiert noch einmal. Sobald die Füße das Board wieder berühren, ist es wieder dasselbe Wow-Gefühl und es macht unglaublich viel Spaß.
Für mich ist das Gefühl pure Aufregung. Und es ist auch ein ständiger Dialog mit sich selbst, man bewertet sich selbst, weil man das Gefühl des Abhebens und in der Luft sein genießt, aber gleichzeitig denkt man auch schon an den nächsten Sprung, weil man weiß, dass es in zwei Sekunden wieder losgeht.
Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich auf dem Teeterboard gesprungen bin. Der Unterschied zwischen einem Meter und drei Metern – es fühlt sich als würde man aus einer Kanone geschossen. Unser Lehrer ließ uns damals lang springen, drei Minuten, vier Minuten am Stück, und das mit zwei Leuten war zu Beginn sehr anstrengend für die Waden, die Hüften, die Gesäßmuskeln, einfach alles in den Beinen. Als wir das dann ganz leicht schaffen konnten, erreichten wir Höhen von fünf oder sechs Metern. Da ist man dann schon eine lange Zeit in der Luft, und das hat dann richtig Spaß gemacht, weil es sich wie Fliegen anfühlt.
Teeterboard hat seine Wurzeln im klassischen Zirkus, wo es seit über einem Jahrhundert auf den Bühnen zu sehen ist. Traditionell wurde es oft als großer Höhepunkt in Shows eingesetzt, bei dem das Publikum von spektakulären Sprüngen und gewagten Figuren begeistert war. Es war und ist ein Symbol für Mut und artistische Virtuosität.
Trotz seiner langen Geschichte hat sich die Disziplin nie stillgelegt. Im Gegenteil: In der heutigen Zeit wird Teeterboard auch neu interpretiert, nicht nur als Action-Showelement, sondern als Ausdrucksform, die Geschichten erzählen kann.
Sam, wie siehst du das Potential, dass Teeterboard im Zeitgenössischen Zirkus immer mehr Beachtung findet?
Ich denke, es wird als eine Disziplin der alten Schule wahrgenommen, weil es eine Disziplin der alten Schule ist, aber mir fallen ein paar Shows ein, die das Teeterboard in ein zeitgenössisches Licht gerückt haben. Die Show, die mir dabei besonders auffällt, ist Ghost Light, eine Duo-Show, in der es um das Leben der beiden Teeterboard-Künstler geht. Es geht um ihre Beziehung, ihre Beziehung zum Teeterboard, ihr Vertrauen zueinander und die Kameradschaft zwischen zwei Männern. Das ist wahrscheinlich das beste Beispiel für eine zeitgenössische Teeterboard-Show, das ich kenne. Meist werden Shows mit Teeterboard-Acts beendet, damit sie mit einem Höhepunkt enden. Selbst in einem zeitgenössischen Rahmen ist das ist für mich immer noch traditionell. Und Ghost Light hat das aber nicht gemacht, was ich schön finde. Außerdem gibt es eine Solo-Teeterboard-Show, in der der Darsteller viel mehr Bewegungselemente einbaut und das sich Teeterboard dreht, sodass es wie eine Wippe ist, auf der man herumspielen und mit der man interagieren kann. Ich glaube, langsam versteht man, was ich meine. Es wird immer eine traditionelle Disziplin bleiben. Aber es gibt Beispiele, die sie langsam in ein zeitgenössisches Licht rücken, und diese Richtung gefällt mir. Das ist eine Richtung, die ich gespannt bin zu verfolgen.