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Das Lebendige Lexikon

Fließende Bewegungen

Acro Dance oder Movement Work
mit Dylan Philips

Körper in fließenden Bewegungen, die ineinander übergehen, an Tempo wechseln und den ganze Raum einnehmen. So kann Acro Dance beschrieben werden. Acro Dance oder Acro-Tanz kennen wahrscheinlich nur die Menschen, die den Sport selbst betreiben oder zumindest Verbindungen zum zeitgenössischen Zirkus oder Tanz haben.

Vom Namen lässt sich recht schnell ableiten, dass es sich um eine Mischung aus Tanz und Akrobatik handeln muss: Beim Acro Dance werden klassische Tanztechniken mit akrobatischen Elementen verbunden und sind dabei in eine Choreographie eingebettet. Als Praxis ist Acro Dance viel in Amateur-Tanzwettbewerben zu finden, fließt aber immer mehr in den zeitgenössischen Zirkus mit ein.

Entstanden ist Acro Dance ungefähr um 1900 und ist damit relativ jung. Zum Vergleich: Jonglage beispielsweise ist im 11. Jahrhundert entstanden. Die Anfänge der Disziplin lassen sich auf das Varieté Theater in den Vereinigten Staaten und Kanada zurückführen. Es tauchten immer wieder vereinzelte akrobatische Elemente im Varietétanz auf und entwickelten sich über die Jahre zu einer eigenen Disziplin, die sich bis heute stetig im fließenden Wandel befindet. Eine feste Definition für Acro Dance zu finden ist deswegen nicht leicht, sondern verhält sich gemäß der Disziplin: fließend, in weichen Bewegungen und nicht zu Greifen.

Als junge Disziplin in dem noch viel jüngeren Genre des zeitgenössischen Zirkus profitieren Acro Dance und Neuer Zirkus voneinander und begünstigen den gegenseitigen Weiterentwicklungsprozess. Beide Disziplinen verhalten sich nach einem ähnlichen Schema: Sie vereinigen unterschiedliche klassische Disziplinen und betten sie in einen narrativen oder choreografischen Rahmen ein.

Dylan Philips ist ein begeisterter Acrotänzer. Als seine Eltern ihn und seine Brüder zum ersten Mal mit fünf Jahren für ein halbes Jahr zum Kinder- und Jugendzirkus schickten, war er davon erstmal nicht so begeistert. Doch im Laufe der Jahre fand er seinen Weg in unterschiedliche Leistungs- und Hochleistungsprogramme für Akrobatik und ist heute er einer der Artist:innen von Gravity & Other Myths. Mit der australischen Kompanie ist er bereits das zweite Mal zu Gast im Chamäleon. 2019 spielte er seine erste Saison im Chamäleon mit der Produktion „Out Of Chaos“ – und begann in dieser Zeit damit, sich mit Acro Dance beziehungsweise „Movement work“ tiefer auseinander zu setzen.

Bis zu diesem Moment trainierte er und stand auf der Bühne hauptsächlich als Handstandkünstler und „Flyer“. „Flyer“ sind in der Partner:innenakrobatik die Menschen, die von der „Base“ – den Akrobat:innen am Boden –  getragen, gehoben und geworfen werden. Wie der Name schon sagt – sie fliegen viel durch die Luft.

Als Dylan Teil von GOM wurde, lernte er Lewie West kennen: Ein begabter Bodenakrobat („Tumbler“) und „Mover“, den Dylan schon als kleiner Junge bewunderte. Dylan hatte von Lewie viele Videos gesehen und hätte sich nicht erträumen können, dass sie später einmal befreundet und Teil der gleichen Kompanie sein werden. Lewie inspirierte Dylan dazu, mit Acro Dance anzufangen. Während der Spielzeit von „Out of Chaos“ 2019 im Chamäleon bekam Dylan schließlich ein Acro Dance-Solo, was für ihn eine wichtige Herausforderung war.

Dylans Entwicklung im Acro Dance oder Movement work lässt sich vom Großen zum Kleinen beschreiben: Am Anfang interessierte er sich für die zwei oder drei Sekunden der kompliziertesten Form oder Figur, die auf den ersten Blick den größten Wow-Effekt erzielten. Dann begann er sich für eine 5-sekündige Sequenz zu interessieren, die einen extrem hohen Schwierigkeitsgrad hatte. Doch allmählich waren es nicht mehr die schwierigsten und kompliziertesten Sequenzen, die ihn fesselten, sondern viel mehr die kleinen Details und verbindenden Bewegungen zwischen den Sequenzen.

Heute ist es Dylans Ziel, dass auch die kleinste Bewegung denselben Effekt wie die komplizierteste Sequenz hat. Außerdem gefällt ihm, wenn ein Impuls von Außen eine Sequenz inspiriert. Am besten, indem es eine feste Struktur gibt, in der es sich dann aber relativ frei improvisieren lässt.

Im Training ist Dylan sehr ehrgeizig und versucht etwas zu schaffen, was er vorher noch nie gemacht hat. Er sucht sich eine Bewegung aus und geht sie in vielen unterschiedlichen Variationen durch. Sobald ihm ein bestimmter Moment besonders gut daran gefällt – wie simpel er auch sein mag – fokussiert er sich darauf und perfektioniert ihn. Für ihn ist es die magische Verschmelzung von Virtuosität und Hingabe der Artist:innen, die das Publikum am meisten fesselt.

Gutes Acro Dance oder Movement work bedeutet für ihn, Bewegungen fließend zu initiieren und so einen Kontrast zu der doch recht starren Akrobatik zu schaffen. Die Anspannung soll in der Bewegung abfallen, beziehungsweise den Anschein nach außen hin erwecken, dass der:die Artist:in in den Bewegungen entspannt ist. Es geht um unterschiedlich miteinander verbundene Bewegungen, die zu einem Fluss werden.

Wenn während der Bewegungen kein Anfang und kein Ende einer Sequenz erkannt werden kann – das ist für Dylan das, was einen guten „Mover“ ausmacht. Dieses Level an Köperbeherrschung kann nur nach jahrelangem Training und eigenem gutem Köperverständnis erreicht werden.

Wer jetzt besorgt ist, dass Acro Dance oder Movement Work nur für die talentiertesten aller Artist:innen geeignet ist, kann beruhigt sein. Es gibt viele Mover, die in Videos einzelne Sequenzen Schritt für Schritt durchgehen, besprechen und vormachen. Mit ein bisschen Platz, ein bisschen Übung und natürlich einem weichen Teppich kann zumindest die Luft von Acro Dance geschnuppert werden.

Text: Verena Schlegel
Foto: Andy Phillipson