PLAY: Gedanken zur Reihe
In unsicheren Zeiten spielen die Darstellenden Künste eine immer größere und vielfältigere Rolle. Manchmal muss sie die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen, manchmal unsere Gegenwart im Kontext der Vergangenheit verorten, und manchmal aufzeigen, wohin unser Handeln uns in Zukunft führen könnte. Doch vielleicht ist ihre wesentliche Aufgabe, uns Räume zu eröffnen, in denen wir zusammenkommen können und uns daran erinnern, wie kraftvoll gerade die Gemeinsamkeiten sind, die uns – bei all der Vielfalt unserer Unterschiede – miteinander verbinden.
2026 versucht Play, genau diesen Raum zu schaffen. Es ist eine Reihe die sich ganz um die Entwicklung von Künstler*innen, Publikum und Gemeinschaft dreht. Es geht darum, Normen zu hinterfragen, bestehende Verbindungen zu stärken und neue zu knüpfen. Dabei öffnet Play dem Chamäleon als Bühne sowie dem Chamäleon-Publikum neue Perspektiven auf die außergewöhnliche künstlerische und technische Bandbreite des Zeitgenössischen Zirkus.
Für das Chamäleon ist Play sowohl eine Investition in den Zeitgenössischen Zirkus als auch Bekenntnis und Verpflichtung. Durch vergünstigte Ticketpreise und ein umfassendes Begleitprogramm – darunter Podiumsdiskussionen, Einführungsgespräche und Q&As mit Künstler*innen – will Play ein neues Publikum für den Zeitgenössischen Zirkus gewinnen und zugleich den Blick des bestehenden Publikums erweitern. Zugleich schafft das Programm auch für Künstler*innen neue Zugänge: Für manche bedeutet die kommende Play Edition ihr Debüt auf der Chamäleon-Bühne, für andere eine vertiefte, langfristige Unterstützung ihrer Arbeit. Jedes Stück versucht, unser Verständnis zu erweitern, was Zeitgenössischer Zirkus heute sein kann.
Die Vielfalt und kreative Kraft der Zirkus-Community überrascht uns immer wieder aufs Neue und 2026 bringen wir eine ganz besondere Auswahl an Künstler*innen und Produktionen für das Chamäleon-Publikum auf die Bühne.
Roxana Küwen Arsalan in OMÂ. Foto: Carla Dacal
Zum Auftakt präsentiert der Choreograf Piet Van Dycke sein Erfolgsstück Glorious Bodies erstmals in Berlin. Sechs Artist*innen im Alter zwischen 57 und 69 Jahren zeigen, dass der Körper das, was er an Explosivität vielleicht verliert, er an Feinheit und Weisheit dazugewinnt. Die körperliche Meisterschaft und die Freude an Verbindung, die Glorious Bodies auszeichnen, haben bereits europaweit für Begeisterung gesorgt – es ist wahrlich Zirkus, eingeschrieben im Körper.
Selten untersucht ein Solo so kraftvoll Themen wie Schmerz, Verletzlichkeit, Verhandlung, Einvernehmen und Fürsorge wie Elena Zanzu in dem bahnbrechenden Stück Ez. Wenn Glorious Bodies den Blick weitet, um Gruppendynamiken und das Miteinander zu beleuchten, dann rückt Ez den Fokus nach Innen und erkundet die Vertrauensbeziehung zwischen Performer*in und Publikum.
Jarnoth und Moritz Haase in HIER SOWIE DORT. Foto: André Wirsig
Play ist zugleich eine Plattform mit der wir die lokale Zirkusszene kontinuierlich unterstützen können und 2026 feiern wir die Berlin-Premiere von HIER SOWIE DORT der Berliner Kompanie Raum 305, dem Abschluss ihrer Trilogie. Moritz Haase und Jarnoth haben erneut ein traumwandlerisches Werk geschaffen: ein spielerisch-verführerisches Fiebertraum-Theater, in dem sich die Machtverhältnisse des ungleichen Duos immer wieder umkehren, wandeln und neu erfinden.
Ana Jordãos a body and other objects wurde 2024 im Rahmen des Residenzprogramms des Chamäleons entwickelt. Dass das Stück nun als Teil von Play seine Berlin-Premiere feiert, steht sinnbildlich für die Stärke und Tiefe der hiesigen Szene. Ana Jordão – eine multidisziplinäre Künstlerin, die aktuell die Disziplin des Hairhanging erforscht – hat gemeinsam mit Rigger Vincent Kollar einen zarten Pas de deux geschaffen. Gemeinsam erkunden sie, wie eine Vielzahl kleinster Verbindungen, egal ob körperlich oder emotional, zu einer Quelle der stärksten und tiefgreifendsten Verbundenheit werden können.
Das Ensemble des Circus Sonnenstich in Mimoto. Foto: Jonas Ruhs
2026 begrüßen wir außerdem eine der beliebtesten Zirkuskompanien Deutschlands zurück bei Play: Circus Sonnenstich mit ihrem Stück Mimoto. Die erste Version des Stücks spielte bereits als Teil der Play-Ausgabe von 2024 vor ausverkauftem Haus. Seither haben Sonnenstich ihre freche und berührende Auseinandersetzung mit Fragen von Identität kontinuierlich weiterentwickelt und 2025 an verschiedenen Spielorten aufgeführt.
Tim Behrens Kölner Kompanie Overhead Project steht seit über zehn Jahren an der Spitze des deutschen Zeitgenössischen Zirkus und entwickelt genreübergreifende Arbeiten zwischen Zirkus und Tanz. Mit dem Duo-Stück Blueprint geben sie nun ihr lang erwartetes Chamäleon-Debüt: Tänzerin Mijin Kim und Akrobat Leon Börgens erschaffen darin eine zarte, verspielte und dynamische Erkundung des Vertrauens in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Der Pantomime-Superstar Trygve Wakenshaw eroberte in den 2010er Jahren mit gefeierten Solos beim Edinburgh Fringe Festival die internationale Szene im Sturm. Mit Silly Little Things feiert er sein triumphales Comeback: Eine absurd-komische, nonverbale Auseinandersetzung mit all den kleinen Dingen, die eine Freundschaft stärken oder zerbrechen lassen können. Ein Stück, das man mit seinen besten Freund*innen besuchen sollte, oder vielleicht den besten Feind*innen.
Vincent Kollar und Ana Jordão in a body and other objects. Foto: Nils Sørensen
Die Feinheiten von Herkunft und die Komplexität von Vorurteilen werden in Roxana Küwen Arsalans autobiografischem Stück OMÂ behutsam freigelegt. Darin stellt die Fußjongleurin sich vor, wie ihre deutsche Oma und ihre iranische Mâdarjun bei einer gemeinsamen Tasse Tee über ihre gemeinsame Enkelin plaudern. Humorvoll und berührend zugleich ist dies ein Stück für alle, deren Wurzeln in mehr als nur in einem Zuhause liegen.
Palianytsia ist der Name eines traditionellen ukrainischen Brotes, das selbst unter schwersten Bedingungen zubereitet werden kann und so zum Symbol der Widerstandskraft einer bedrohten Kultur geworden ist. Compagnie Zalatai haben eine außergewöhnliche und tief bewegende Arbeit geschaffen, die erkundet, wie zwei Meinung ihre Verbindung zueinander auch unter größter Gefahr aufrechterhalten können. Live begleitet von einem Folk-Trio kombinieren Jongleur Alexander Koblikov und Multicord-Künstlerin Charlotte de la Bretèque überirdische technische Meisterschaft mit zutiefst persönlichem Storytelling. Dabei reflektiert das Stück nicht nur den Krieg in der Ukraine, sondern auch die unerschütterliche Fähigkeit der Menschheit, im Angesicht von Gefahr zu überleben und aufzublühen.
Compagnie Zalatai in Palianytsia. Foto: J.L.Chouteau
Im Laufe von Play 2026 werden wir künstlerische Perspektiven aus Deutschland, Frankreich, der Ukraine, Portugal, Spanien, Tschechien, Neuseeland, dem Iran und Belgien zusammenbringen. Die Produktionen lassen sich einzeln erleben, als vielschichtige kleine Inseln, oder alle zusammen, als miteinander verbundene Bausteine einer übergreifenden Erzählung.
Play 2026 – Geschichten der Vielen.
Geschichten von uns.